The Curious Expedition

The Curious Expedition – Für Whisky, Ruhm und Kannibalismus!

Fasziniert und erfreut sehe ich dabei zu, wie Amelia Earharts persischer Übersetzer den einzigen Wachmann unseres Treks zerfleischt, um sich dann an seinen Eingeweiden zu laben. Kaum hatten wir uns schlafen gelegt, hat er dem armen Soldaten der British Army mit einer massiven goldenen Statue erschlagen, um ihn zu essen. Warum ich mich freue? Stellt euch vor, der Perser hätte den Packesel getötet. Wer hätte denn dann die massive goldene Statue zurück zum Schiff getragen, die ich zuvor aus einer Tempelstätte der Eingeborenen geklaut habe? Halb hoffe ich noch, die französische Künstlerin in unserem Team würde die Szene malen. Zuhause zahlen sie sicher viel für einen so authentischen Eindruck aus der wilden neuen Welt. Leider hat sich Laurette aber bereits die gesamten restlichen Whiskyvorräte der Expedition einverleibt, um den Anblick und den Geruch zu ertragen.
The Curious Expedition macht mich zu einem schrecklichen Menschen. Aber das ist okay, schließlich ist es ja auch ein grausames Spiel und ich passe mich den Gegebenheiten an.

Truly magnificient: Wenn doch nur alle Events in The Curious Expedition so schön wären...
Truly magnificient: Wenn doch nur alle Events in The Curious Expedition so schön wären…

The Curious Expedition ist das erste kommerzielle Projekt der Berliner Indieentwickler Maschinen-Mensch. Und damit haben sie ein verdammt heißes Eisen im Feuer.

Die Liga der außergewöhnlichen Überintelektuellen

Eigentlich beginnt alles ganz manierlich, ein bisschen snobbistisch sogar. Wir sind Mitglied eines Clubs aus Entdeckern irgendwann im viktorianischen Zeitalter, die sich auf die Fahne geschrieben hat, alle unentdeckten, exotischen Orte der Welt zu erkunden. Hierzu ruft der Club einen Wettbewerb aus. Wer innerhalb von sechs Expeditionen die meisten außergewöhnlichen Orte entdeckt, Schätze geborgen und Gefahren überlebt hat, gewinnt Ruhm und Ehre. Also suchen wir uns einen berühmten Entdecker jener Zeit aus, sammeln dessen engste Gefährten um ihn und brechen auf in die unentdeckte Welt, nach Südamerika, nach Afrika, nach Indonesien. Aztekengold, Blutdiamanten und Sklaven erwarten uns!
Unter den spielbaren Charakteren sind jede Menge vertrauter Namen neben vielen ebenso wichtigen Gesichtern der Weltgeschichte, von denen man allerdings nicht immer zwingend schon etwas gehört hat. Jeder der begnadeten Forscher hat hier seine eigene spezielle Fähigkeit, die ihm einen Vorteil im Feld verschafft, sowie seine eigene Crew und spezielle Ausrüstung. Charles Darwin etwa regeneriert Ressourcen, wenn er auf seltene Schmetterlingsarten stößt, und verlässt das Haus ungern ohne durchgeladene Flinte. Marie Curie ist auf so vielen Gebieten bewandert, dass sie aus einer zusätzlichen Auswahl an Boni wählen darf. Nikola Tesla ist ein irrer, leicht pyromanischer Erfinder, dem das Konzept „Wahnsinn“ weniger geläufig ist als den anderen Entdeckern. Das mag bestimmt nicht alles historisch korrekt sein, ist aber sehr spaßig zu lesen und macht auf seine eigene komische Art auch immer Sinn.
Haben wir einen Erkunder gewählt, geht es aufs Schiff. Im Hafen wird jeweils eine Mission angeboten – Amelia bekam von einem netten Gentleman mit Zylinder die Aufgabe, ihre Reise in achtzig Tagen zu beenden. Klingt das vertraut?

Die Auswahl an Charakteren kann sich sehen lassen. Alle besitzen unterschiedliche Fähigkeiten, Ausrüstung und Gefährten.
Die Auswahl an Charakteren kann sich sehen lassen. Alle besitzen unterschiedliche Fähigkeiten, Ausrüstung und Gefährten.

At the Mountains of Madness

Endlich in der Wildnis. An der Küste der neuen Welt geht der Trupp an Land und sondiert die Umgebung, soweit sie diese auskundschaften können. Die genaue Geländebeschaffenheit erkennen wir nur sehr nahe am Trek. Auch wichtige Orte werden nur so angezeigt: Eingeborenendörfer, Schreine, Einsiedler, alte Camps von früheren Forschern, christliche Missionen. Weiter weg vom Trupp erkennen wir unter einer Art Nebel des Krieges immerhin noch, dass da etwas interessantes versteckt ist, aber nicht was genau. Der Rest der Karte liegt komplett im Dunkeln.
Ziel der Expedition ist es nun, die große goldene Pyramide zu finden, die auf jeder Karte versteckt ist. Dazu haben wir nur unseren Erkundungsdrang und einen Kompass; selbiger rotiert anfangs noch wild, nimmt aber an Genauigkeit zu, je mehr von der Karte wir aufdecken. Schließlich zeigt er direkt auf die Pyramide, die den Ausgang des Levels darstellt – oder auf einen der zahlreichen magnetischen Berge in der Umgebung. Ganz so einfach macht es uns The Curious Expedition dann doch nicht.
Auf dem Weg zu der Pyramide finden wir jede Menge Landmarks, die sich besuchen lassen während einige davon der Zivilisation entstammen – etwa Klöster, in denen sich Dinge lagern lassen, und verlassene Camps, in denen sich alte Ausrüstung findet – gibt auch Mutter Natur einiges her. Höhlen lassen sich nur im Licht einer Fackel erkunden, und enthalten manchmal Schätze, manchmal einen Rastplatz und manchmal Raubtiere. Unter Felsüberhängen lässt sich rasten, und besonders schöne Landschaften wie Seen oder Steinzirkel lassen sich sogar malen, wenn ein Künstler in der Gruppe ist.

Schatz ausgraben, am Wasserfall campen, Schrein plündern oder Tiger töten? Die Qual der Wahl.
Schatz ausgraben, am Wasserfall campen, Schrein plündern oder Tiger töten? Die Qual der Wahl.

Richtig interessant werden die Landmarks allerdings erst, wenn man einen Ort der entgegenstehenden Fraktion entdeckt – der Eingeborenen nämlich. Die sind schon lange in dieser sogenannten ‚neuen‘ Welt und haben Dörfer, Tempel, Schreine und Statuen hinterlassen. Als Eindringling sind wir da natürlich nicht gerne gesehen. Das wird repräsentiert durch eine der beiden Ressourcen im Feld – das Ansehen, das wir vor den Eingeborenen genießen. Damit lassen sich Dorfbewohner rekrutieren und Rastplätze in den Siedlungen erhandeln. Schließt man ein erfolgreiches Tauschgeschäft mit den Ureinwohnern ab – mit Geld können diese nichts anfangen – steigt das Ansehen. Sinken wird es dagegen, wenn man sich rüde verhält – also die Gastfreundschaft der Dörfler überstrapaziert oder ihnen alle jungen Männer wegrekrutiert. Oder natürlich wenn man ihre Opfergaben plündert, ihre Tempel schändet, dadurch ihre Götter erzürnt, die daraufhin Vulkane oder Dürren in jene Gegend hinab senden, oder die Dorfbewohner erschlägt. Aber wer würde das schon tun, nicht wahr? Die zweite Ressource ist Sanity – diese sinkt, je weiter man reist, und steigt mit Nahrungs- oder Whiskykonsum oder einer Rast. Sinkt diese geistige Gesundheit auf null, wird es richtig ungemütlich. Teammitglieder klauen, werfen Essen weg, locken Raubtiere an oder schlagen sich gleich gegenseitig die Köpfe ein, wahlweise aus kulinarischem Interesse. Und sobald ein Trekführer ganz alleine dasteht, dauert es nur noch einige Tage, bevor er seinen letzten Atemzug tut.

Im unwahrscheinlichen Fall, dass man es sich wirklich so sehr mit den Ureinwohnern verscherzt (Und ich frage: Wer sind hier jetzt die Wilden?), wird man sich auf einen Kampf vorbereiten müssen. Und hier glänzt The Curious Expedition so richtig.
Wer The Witcher oder The Witcher 2 gespielt hat, der ist wahrscheinlich mit dem Begriff Würfelpoker vertraut. Auch The Witcher Adventure Games Kampfsystem fußt auf einem ganz ähnlichen Prinzip. Dabei versucht man mithilfe der Augenzahlen einer Anzahl Würfel Hände wie beim Poker zu legen: Drillinge, Zwei Paare, Straßen und so weiter. The Curious Expeditions Kampfsystem funktioniert nach einem ganz ähnlichen Prinzip: Jedes Mitglied des Treks prägt eine bestimmte Anzahl Würfel einer bestimmten Ausrichtung. Ein Soldat liefert etwa rote offensive Würfel, ein Matrose grüne defensive, ein Übersetzer oder Künstler blaue taktische. Packtiere kämpfen nicht mit, können aber Schläge abfangen. Die Anzahl an Würfeln, die jeder Beteiligte stellt, wird bestimmt durch seine Stufe; Stufen erhöhen sich durch Erfahrungspunkte, die man durchs Erforschen der Karte oder Lösen von Events bekommt.

Dieser Deserteur steckt zwar einiges ein, am Ende sind meine Würfe aber einfach zu gut. Seine Dekorationen bringe ich zurück nach Hause.
Dieser Deserteur steckt zwar einiges ein, am Ende sind meine Würfe aber einfach zu gut. Seine Orden bringe ich zurück nach Hause.

Mit all diesen Würfeln wirft man nun verschiedene Zeichen, die man anschließend zu Sets kombinieren kann – oder wieder neu würfelt, wenn nichts Passendes dabei war. Die Sets sind festgelegt, aber zahlreich: Beliebig viele Schwert-Zeichen gemeinsam starten einen entsprechend starken Angriff, ein Schwert und ein Schild bedeuten einen leichten Angriff mit anschließendem Defensivbonus, ein Auge und ein Schild heißen Ausweichhaltung mit zusätzlicher Verteidigung. Würfel, deren Zeichen genutzt wurden verschwinden und wenn sich keine neuen Sets mehr bauen oder neu würfeln lassen, ist der Gegner an der Reihe. Dessen Runde funktioniert nach dem gleichen Prinzip. Zuende ist der Kampf, wenn alle Herzen des Gegners geleert sind – oder alle Trekmitglieder tot. The Curious Expedition liefert hier eine gelungene Mischung aus Glück und eigenem Können, die sich sehr gut in das Roguelike-System eingliedert.

Grafisch ist The Curious Expedition kein großer Hingucker, auch nach Retroverhältnissen. Die Figuren sind mit recht seltsamen Proportionen geschlagen und bewegen sich hauptsächlich durch hüpfende Bewegungen. Das zieht sich jedoch so konsistent durch den Stil des Spiels, dass man es schon wieder als Artstyle bezeichnen kann. Außerdem schaut man die meiste Zeit auf die Spielkarte, nicht die Charaktere, die man nur im Kampf wirklich prominent auf der rechten Seite des Bildschirms sieht. Die Umgebung sieht ziemlich hübsch aus, auch wenn man bei vielen Dingen die Fantasie spielen lassen muss, um den eigentlichen Gegenstand zu erkennen. Aber gerade in einem Spiel über das Entdecken und Erforschen kann ich so etwas durchaus begrüßen.
So richtig gut wird’s dann aber wieder, wenn wir uns dem Soundtrack zuwenden. Die Musik fängt den Charme dieser Frontier Spirit-Zeit perfekt ein; der Menüsound erinnert mich an eine Melodie aus geschäftigen Kofferschleppern und ausfahrenden Dampfzügen an einem alten Bahnhof. Das weckt Entdeckerfreude! Im Club dagegen geht es gediegen zu, man riecht quasi die Tabakpfeifen und Ledersessel. Das ergänzt den minimalistischen Grafikstil perfekt, indem es all die Bilder hervorruft, die grafisch dann doch nicht möglich gewesen wären. Erstellt wurde der Soundtrack von Alexander Batsch, ebenfalls aus Berlin, der damit seinen bisher ersten Spielesoundtrack veröffentlicht hat.

Huldigt mir, ich bringe euch ein schönes Gebüsch!
Huldigt mir, ich bringe euch ein schönes Gebüsch!

Und was macht Mrs Earhart mittlerweile so? Nicht mehr viel, denn nachdem der Wachmann ein unrühmliches Ende gefunden hatte, war die Expedition den wilden Tieren Afrikas nicht mehr gewachsen. Die Künstlerin fiel einer Hyäne zum Opfer und der persische Übersetzer ist daraufhin schreiend davongelaufen – nach Hause angeblich, denn er litt unter schrecklichem Heimweh. Amelia hat es schwer verwundet gerade noch so unter einen Felsüberhang geschafft, wo sie sich an ihr massivgoldenes Idol klammert und die Augen zum letzten Mal schließt. Ob das die wahre Geschichte ihres verschollenen letzten Flugs ist?
Den Wettbewerb gewonnen hat schließlich Richard Francis Burton. Der kann nämlich selbst übersetzen, braucht deswegen keinen einheimischen Dolmetscher und konnte denselben daher beruhigt aufessen.

2 Kommentare zu „The Curious Expedition – Für Whisky, Ruhm und Kannibalismus!

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