Her Story – Verwirrend, neu und schön

Her Story schafft, wofür wir irgendwie alle einmal angefangen haben Videospiele zu spielen: Uns das Gefühl zu geben, etwas Tolles geschafft zu haben.
Videospiele mit echten Schauspielern, sogenannte FMV-Games, sind heute eher selten; Damals, in den Neunzigern, als dank der CD-ROM Speicherplatz kein so großes Thema mehr war wie auf Disketten, machten sich Spieleserien wie Tex Murphy und Gabriel Knight ihren Namen quasi nur durch ihre Echtfilmaufnahmen. Die waren aber nicht gerade die Krone der schauspielerischen Fähigkeit, und außerhalb von Point & Click-Adventures ließen sich Schauspieler auch nicht wirklich gut einsetzen. Was aber, wenn sich ein ganzes Spiel um die schauspielerischen Fähigkeiten einer echten Person dreht? Wenn das eigentliche Gameplay so weit reduziert wird, dass das Ansehen des Films zum Spiel wird? Die Antwort lautet: Eine fesselnde Geschichte und das Gefühl, selbst der größte Detektiv aller Zeiten zu sein.

Bei Her Story von einem Spiel zu reden ruft vermutlich all jene fraglich ernst zu nehmenden Individuen auf den Plan, die behaupten, Dear Esther und Gone Home wären keine. In Her Story tue ich als Akteur eigentlich streng genommen noch weniger. Folgende Situation: Ich verkörpere eine Person, die sich aus noch unbekannten Gründen für das Verschwinden eines gewissen Simon Smith fast zwanzig Jahre zuvor interessiert. Um Licht ins Dunkel zu bringen, erhält sie Zugriff auf den Polizeicomputer von damals, auf dem die Verhöre mit Simons Frau Hannah gespeichert sind. Sieben verschiedene Verhöre wurden aufgenommen, doch dank eines schweren Computerfehlers sind die sieben Videos in fast dreihundert einzelne Clips fragmentiert und müssen einzeln angesehen werden.

Zunächst ist es aber nicht ganz so einfach, die Clips anzusehen. Ich sitze vor einem sehr alt wirkenden Terminal, stilecht mit Röhrenmonitor, das im Prinzip aus zwei Feldern besteht: Ein Textfeld zur Suche und einer Liste aus maximal fünf Videoclips. „MURDER“ steht standardmäßig im Suchfeld. Klicke ich Bestätigen, sucht mir das System vier Videos zum Thema „MURDER“ heraus. Der Clou: Alle Clips sind vollständig transkribiert, das heißt das System sucht nicht nach Tags oder Labels, sondern nach Clips, in denen das gesuchte Wort auch tatsächlich gesagt wird. Suche ich nach „AND“, bekomme ich über einhunderfünfzig Ergebnisse, von denen mir aber immer nur die ersten fünf angezeigt werden. Um größere Pools eines Wortes abzusuchen, muss ich die Suche mit kombinierten Suchwörtern eingrenzen. Wenn „PARENTS“ also zu viele Ergebnisse liefert, versuche ich „HIS PARENTS“, „MY PARENTS“ oder „PARENTS DEAD“, und so weiter. Die Wörter, nach denen ich suche, erschließe ich mir aus den Videos die ich sehe. Erwähnt Hannah einen Namen, den ich nicht kenne, schreibe ich ihn mir auf und suche später danach. Dafür gibt es eine Labelfunktion, mit der ich Videos beschriften kann, nachdem ich sie gesehen habe. Zusätzlich kann ich Videos als Favoriten markieren, um schnell Zugriff auf sie zu haben. Das ist besonders für ganz wichtige, storyrelevante Clips von Vorteil, die ich mir noch das ein oder andere Mal ansehen muss, um zu verstehen was passiert.

Label helfen dabei, Videos zu kategorisieren und keine Suchbegriffe zu vergessen.

Label helfen dabei, Videos zu kategorisieren und keine Suchbegriffe zu vergessen.

Aber woher weiß ich, welche Clips wichtig sind, wenn darin nicht grade ein Verbrechen gestanden wird? Dafür besitzt Her Story eine äußerst atmosphärische Methode, mich darauf hinzuweisen, dass ich mir merken sollte was ich gerade gehört habe. Habe ich einen Clip beendet, der für das Verständnis der Geschichte wichtig ist, passiert etwas scheinbar Zufälliges auf dem Terminalbildschirm. Da flackert vielleicht die Neonröhre, die reflektiert wird, das Geräusch einer ankommenden Mail ertönt oder das Antlitz der Person vor dem Bildschirm flackert kurz auf, weil das Licht eines vorbeifahrenden Autos sich auf dem Desktop spiegelt. So simpel das auch klingt, es sorgt jedes Mal wieder für einen kleinen Schauer, denn die Atmosphäre von Her Story ist allgemein eher bedrückend, sowohl in den Videos als auch im übergreifenden Metagame. Ich sitze bei Nacht alleine in einem verstaubten Raum, sehe mir Verhöre an, die so alt sind wie ich selbst und decke möglicherweise ein Verbrechen auf. Hätte das Spiel eine Rumdumsicht durch den Raum oder die Möglichkeit sich vom Terminal weg zu bewegen, ich hätte beständig Angst davor, von hinten angegriffen oder zumindest mit einem Jump Scare überrascht zu werden.

Von hier lassen sich neue Videos suchen und bereits gesehene speichern.

Von hier lassen sich neue Videos suchen und bereits gesehene speichern.

Je mehr Clips ich mir ansehe, desto mehr zweifle ich daran wer mir da gegenüber sitzt und warum die Person manchmal ganz hervorragend natürlich wirkt und manchmal wie ein absolut amateurhafter Schauspieler. Zudem verändert sich auch die Kleidung der Verhörten ständig – logischerweise, denn die sieben Verhöre stammen von sieben verschiedenen Tagen – aber auch andere Veränderungen scheinen zwischen den Videos statt zu finden. Manche subtiler, manche sehr einschneidend, und es obliegt mir als Nachforschendem, sie zu bemerken, zu notieren und vielleicht sogar über die Suchfunktion nachzuhaken. Über die Geschichte werde ich kein weiteres Wort verlieren, denn so richtig funktioniert Her Story nur, wenn man sie sich selbst erschließt. Der Storyschreiber lässt sich hier aber nur loben, Her Story schneidet nicht nur ernste, selten in Videospielen behandelte Themen an, sondern präsentiert seine Geschichte auch auf eine für jeden Spieler unterschiedliche non-lineare Art, die trotzdem immer zum Verständnis führt. Besagter Schreiber ist übrigens Sam Barlow, der sich vor allem durch die großartige Geschichte hinter Silent Hill: Shattered Memories einen Namen gemacht hat, weswegen das nicht allzu verwundert. Die Dame vor der Kamera wird gespielt von Viva Seifert, die eigentlich keine Schauspielerin, sondern Ex-Olympionikin und Keyboarderin ist. Ein ganz schönes Multitalent.

Fazit zu Her Story

Wenn es je eine einzig wahre Verwendung für Echtfilmsequenzen in Videospielen gegeben hat, hat Her Story sie gefunden. Viva Seifert macht einen hervorragenden Job als Zeugin, Verdächtige und Verhörte und setzt Sam Barlows raffinierte Geschichte so gut um, dass mir einige Schlüsselszenen noch eine ganze Weile im Kopf geblieben sind. Zusätzlich trägt die gesamte Aufmachung des Spiels als umständliches Computerterminal aus den Neunzigern sehr zur Erzeugung einer Art Detective Story-Atmosphäre bei. Gameplay bietet das Spiel quasi überhaupt keines, wen das also abschreckt, der sollte eher zu klassischeren Point & Click-Adventures greifen. Wer aber Detektivgeschichten, FMVs oder experimentellere Videospiele wie Cloud Chamber oder Gone Home mag, der sollte sich Her Story nicht entgehen lassen. Etwa drei Stunden braucht man, um alles gesehen zu haben, dafür zahlt man als Vollpreis gerade einmal sechs Euro. Zu finden gibt es Her Story auf Steam, im humble Store und auf gog.com.

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