Secrets of Raetikon – Viel zu schön für Wortspiele

Erinnert ihr euch daran, wann euch die Ästhetik eines Spiels zum letzten Mal ein Lächeln abgerungen hat? Zugegeben, Ubisofts Child of Light ist erst vor kurzem erschienen, also verliert die Frage wohl ein gutes Stück an Reiz. Dennoch lässt sich mit Gewissheit sagen: Spiele, deren Präsentation so gut ist, dass ihr Gameplay dagegen beinahe irrelevant wird, sind selten. Neben besagtem Kind des Lichts fällt mir da nur noch Superbrothers: Sword & Sworcery ein.
Ein beruhigendes Statement vorneweg: Das Gameplay in Secrets of Raetikon ist keinesfalls irrelevant, sondern so erfrischend anders wie der Look des Spiels. Wir steuern nämlich einen kleinen, bunten Vogel und der kann vor allem eines: Fliegen.

Ohne ein Startmenü fallen wir buchstäblich direkt ins Spiel. Secrets of Raetikon kommt fast ohne Bedienelemente aus.

Ohne ein Startmenü fallen wir buchstäblich direkt ins Spiel. Secrets of Raetikon kommt fast ohne Bedienelemente aus.

Die Steuerung

Durch die Möglichkeit zu Fliegen stehen uns logischerweise nicht nur die bei einem 2D-Sidescroller normalerweise üblichen Richtungen links und rechts zur Verfügung, wir können uns auch nach Belieben nach oben und nach unten bewegen. Natürlich begrenzt unten der Boden irgendwann die Spielwelt, oben wird irgendwann die Luft dünn und die Winde zu stark, was keine positiven Auswirkungen aufs Flugverhalten hat und früher oder später in einem Sturzflug resultiert. Aus der Welt fallen, ist also keine akute Gefahr.
Neben Fliegen kommt Raetikon im Prinzip mit vier Befehlen aus: Ein starker Flügelschlag bringt uns schneller voran und hilft bei Gegenwind. Auf der Flucht oder eilig auf dem Weg nach unten hilft ein Sturzflug, der den Vogel unkontrollierbar, aber ganz schön fix macht. Objekte und Lebewesen innerhalb der Spielwelt lassen sich zudem greifen und durch die Lüfte tragen und zu guter Letzt können wir Sammelobjekte in der Welt aufspüren, indem wir einen Schrei los lassen, dessen Echo uns die Richtung weißt.
Trotz weniger Tasten muss sich Secrets of Raetikon hier Kritik gefallen lassen: Die Tastatursteuerung ist alles andere als intuitiv. Das ist natürlich immer persönliche Geschmackssache, aber ich möchte kein Spiel mehr spielen, dass mir nicht die Option gibt, WASD statt den Pfeiltasten zu benutzen. Die Tastenbelegung ist nämlich festgelegt und kann nicht verändert werden. Hier schafft ein Update hoffentlich bald Abhilfe.
In gewisser Weise kann man das dem Entwicklerstudio Broken Rules allerdings dennoch nicht vorwerfen, denn beim ersten Start des Spiels (Und nur bei dem; wann anders bekommt man den Starbildschirm nämlich nicht mehr zu sehen, man wird einfach direkt zurück in seinen Speicherstand gebracht) wird man darauf hingewiesen, für das beste Spielerlebnis ein Gamepad anzuschließen. Und das ist nicht unberechtigt; Mit einen Controller spielt sich Secrets of Raetikon großartig, die Tasten sind sinnvoll belegt – allerdings auch hier nicht änderbar – die Bewegungen werden verzögerungsfrei erkannt und flüssig ausgeführt. Da man dieses Spiel auch im besten Fall zurückgelehnt genießt, egal ob auf Sofa oder Bürostuhl, ist das Spielen mit Gamepad nur absolut zu empfehlen.

Die Steuerung wird zu Anfang des Spiels in einer kurzen Sequenz vermittelt, mehr Erklärungen stören den Spielfluss den Rest der Zeit dann nicht mehr.

Die Steuerung wird zu Anfang des Spiels in einer kurzen Sequenz vermittelt, mehr Erklärungen stören den Spielfluss den Rest der Zeit dann nicht mehr.

Das Gameplay

Nicht verwunderlich, dass Secrets of Raetikon ganz ohne Sprachausgabe auskommt, es gibt nämlich keinerlei Form von Dia- oder Monologen. Aber gibt es deswegen auch keine Story? Das bleibt zunächst unklar, denn erklärt wird nichts dergleichen. Unser Protagonist fällt aus dem Intro direkt ins Spiel und beginnt nach einer kurzen Tutorialsequenz sofort mit dem, was wir ihm auftragen; Das dürfte erst einmal darin bestehen, umher zu fliegen, Sachen zu greifen und sie herum zu tragen. Schnell stoßen wir jedoch auf runenbeschriebene Steine, die wir untersuchen können. Und spätestens mit der ersten golden strahlenden Rune, die wir aufsammeln, wird klar, wie die Story des Spiels vermittelt wird: Man muss sie sich selbst zusammenstellen, aus den Satzfragmenten, die man auf den überall verteilten Runensteinen finden kann. Das dauert allerdings eine ganze Weile, denn Secrets of Raetikon nimmt dabei niemanden an der Hand. Untersuchen wir einen dieser Steine, bekommen wir eine Nahaufnahme seiner Inschrift sowie eine Liste aller Runen. Und die Spalte mit den übersetzten Runen ist so lange leer, bis wir das entsprechende Zeichen auch gefunden haben. Spät im Spiel und nach langer Suche (Denn die Runen sind die stereotypischen geheimen Sammelobjekte des Spiels; nur wer gut auf seine Umgebung achtet, hat eine Chance, sie zu finden) können wir dann also lesen, was diese Zeugnisse einer vergangenen Kultur uns hinterlassen – oder auch nicht. Denn selbst mit einem komplett gefüllten Runenwörterbuch müssen wir uns immer noch selbst hin setzen und jeden Buchstaben einzeln übersetzen. Das erinnert an die Quaderschrift aus Fez und wird vielen Spielern schlicht zu viel Arbeit sein, um sich überhaupt damit abzugeben. Ein ungewöhnlicher und riskanter Ansatz, aber da diese Vorgeschichte nicht zwingend nötig ist um das Spiel an sich zu genießen, durchaus verkraftbar.
Besagte vergangene Kultur ist ebenfalls für den Fluss des Spiels verantwortlich. Überall in der Welt schweben kleine, leuchtende Dreiecke, die sogenannten Slivers. Relativ schnell stellen diese sich als Energiequelle für die zahlreichen Maschinen heraus, die verlassen und abgeschaltet überall in der Natur herum stehen. Mit genug Slivers lassen sich diese Mechanismen reaktivieren, um neue Gebiete frei zu schalten oder gewisse Schlüssel, die sogenannten Shards aus ihrer Fassung zu lösen. Und diese Shards sind das Kernziel des Gameplays: Ganz zu Beginn des Waldes, in dem wir uns befinden, steht ein gigantisches Konstrukt mit sieben Schlüssellöchern. Diese sieben Schlüssel in der ganzen Welt zu befreien und hier her zu tragen, diese Aufgabe hat sich unser kleiner Vogel gestellt.

Um an die Shards zu gelangen, müssen wir nicht nur Gefahren überwinden, sondern auch Türen öffnen, hier etwa durch die Reparatur einer Fuchsstatue.

Um an die Shards zu gelangen, müssen wir nicht nur Gefahren überwinden, sondern auch Türen öffnen, hier etwa durch die Reparatur einer Fuchsstatue.

Jede dieser Shards stellt uns hierbei vor eine andere Aufgabe. Während die erste sich einfach greifen und zurück tragen lässt, merken wir schnell, dass nicht nur wir hinter den Shards her sind. Als friedlicher Vogel haben wir es natürlich allgemein mit Fressfeinden zu kämpfen: Luchse versuchen uns am Boden und in den Bäumen anzufallen, Adler und Falken jagen uns in der Luft. Da wir keinen Angriff besitzen, müssen wir uns anders verteidigen; Entweder wir schaffen es, zwei Raubtiere gegeneinander aufzuhetzen, was uns meist einen davon nachhaltig vom Hals hält. Oder wir schnappen uns einen Gegenstand, mit dem sich Schaden anrichten lässt; Sei es ein Stein, den wir einem Luchs an den Kopf werfen oder eine große Distelpflanze, die wir an der Wurzel packen und wild schwingen. Experimentieren wird hier belohnt und macht Spaß.
Tragen wir nun zusätzlich zu unserem schmackhaften Vogeldasein noch eine der begehrten Shards in den Krallen, dürfen wir uns auch noch mit der friedlicheren Seite der Natur auseinander setzen. Eichhörnchen und Elstern stehlen uns die schimmernden Schlüssel, und da beide Tierarten in ihrem Element deutlich schneller unterwegs sind als wir heißt es Taktik und Einkesseln, um den Schatz zurück zu erobern. In manchen Gegenden müssen wir uns nach Aufsammeln der Glitzerscherbe durch ein Dornendickicht voller Gegenwind arbeiten, manchmal erwehren wir uns gegen den Wald selbst, in dessen Zweigen sich der wertvolle Schatz verheddert. Und natürlich wird der Weg zurück zum Schlüsselloch mit jeder Scherbe weiter und damit mit mehr Getier und Gefahren gefüllt. Das bringt besonders am Ende ordentlich Spannung ins Transportvorhaben, denn erwischen wir eine Elster nach dem Diebstahl einmal nicht, kann es auch passieren, dass sie die Shard einen Bildschirm zurück trägt, um sie in ihr Nest zu legen.

Atmosphäre, Grafik und Sound

Das Beste zum Schluss; denn das große Highlight von Secret of Raetikon ist und bleibt die Inszenierung. Besonders sticht da natürlich der sehr eigene Grafikstil, der an eine Mischung aus Origami und Pastellgemälde erinnert hervor. Gerade bei den wunderschön und etwas asiatisch angehauchten Modellen der Tiere kommt das besonders gut zur Geltung. Egal ob riesige Eulen, Fuchsstatuen, Luchse oder Singvögel, alle sind sehr schön designt und passen wundervoll in die clever gestaltete Welt. Die strotzt nämlich nur so vor wilden Luftströmen, losem Gestein, reißenden Flüssen und dichtem Buschdickicht. Darin bewegt sich die ganze Tierwelt; Vögel singen und brüten, Fische wühlen am Grund, Luchse jagen sowohl Fisch als auch Vogel, ein Falke kreist um ein altes Artefakt auf einer hohen Bergkuppe. Verlässt man ein Gebiet und kommt später wieder, findet man zerbrochene Eierschalen, wo neue Vögel geschlüpft sind und tote Elstern liegen am Boden, wo sie in die Fänge eines Raubtiers geraten sind. Die Welt bewegt sich um den Protagonisten herum, auch ohne sein Zutun oder seine Anwesenheit; das erschafft eine lebendige Welt, in der selbst das Zuschauen enormen Spaß machen kann.
Musik wird sehr spärlich eingesetzt, wenn, dann jedoch meistens um die Spannung zu erhöhen. Der Soundtrack hier ist passend, er treibt an und erzeugt Druck, perfekt für klangvolle Verfolgungsjagden durch brechende Äste und heulende Fallwinde. Komponiert und eingespielt wurde der Soundtrack von Christof Dienz.
Umso üppiger eingesetzt werden im Vergleich zur Musik die Soundeffekte, im Besonderen Ambient Sounds, was nicht verwundert in einer Welt, die sich komplett an der Natur orientiert. Jeder Baum rauscht, Eichhörnchen rascheln im Geäst, Falken kreischen, der Wind heult. Ein schöner Bruch, der der Atmosphäre umso mehr Authentizität verleiht, sind die düsteren Klänge, die die Artefakte und Maschinerien innerhalb der Spielwelt von sich geben. Obwohl Indiegames dazu neigen, auffällige, ausgefallene und experimentelle Graphiken und Atmosphären aufzubauen, steht Secrets of Raetikon hier eindeutig für sich, ich selbst würde es als eines der schönsten Spiele bezeichnen, das ich kenne.

Gleich kracht es ordentlich: Secrets of Hammertime.

Gleich kracht es ordentlich: Secrets of Hammertime.

Fazit Secrets of Raetikon

Secrets of Raetikon ist wunderschön. Aber auch unter der filigran-bunten Papierfassade versteckt sich solide Ingenieurskunst. Das Gameplay ist wohldurchdacht, die Steuerung funktioniert, im Besonderen wenn ihr euch die Mühe macht ein Gamepad anzuschließen. Zwar ist die Spielerfahrung mit gerade einmal zwei Stunden eine sehr kurze, Steam Achievements, die wundervolle Atmosphäre und das an dieser Stelle nicht gespoilerte Ende erhöhen den Wiederspielwert aber sicher für den einen oder anderen Liebhaber des Spiels. Workshop-Integration ist ebenfalls vorhanden, auch wenn dieser leider bis Dato noch kaum genutzt wird. Alles in allem ist Secrets of Raetikon eine deutliche Kaufempfehlung für alle, die Wert auf Ästhetik legen oder Freude an Spielen haben, die einfach komplett anders sind.
Das Machwerk des Wiener Entwicklerstudios Broken Rules lässt sich direkt auf deren Website erwerben, sowie wie üblich auf Steam und im Humble Store.

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