Technobabylon – Police Quest am Adventurehimmel

Point & Click-Adventures sind wieder am Puls der Zeit. Auf der einen Seite erleben Remakes und Neuveröffentlichungen der alten Klassiker – Monkey Island, Grim Fandango, Indiana Jones – ihre zweite Jugend. Auf der anderen Seite stehen neue Adventures, mit heutigen Ideen und Mechaniken – bestenfalls. Populärstes Beispiel dafür ist derzeit sicherlich Broken Age von Tim Schafers DoubleFine Productions. Das wohl teuerste Point & Click aller Zeiten ist sicherlich kein schlechtes Spiel, hinterließ aber nach dem Komplettrelease im letzten Monat trotz faszinierend schöner Präsentation sowohl bei Fans als auch bei Kritikern einen fahlen Beigeschmack. Bestimmt kein Zufall also, dass das von Technocrat Games entwickelte und von den Adventure-Experten Wadjet Eye Games gepublishte Technobabylon gerade jetzt ins Licht der Aufmerksamkeit rückt, wo der Hunger nach einem guten Adventure groß ist.

Erzählt wird die Geschichte von Technobabylon in Flashbacks und Dialogen - nicht immer auf den ersten Blick klar...

Erzählt wird die Geschichte von Technobabylon in Flashbacks und Dialogen – nicht immer auf den ersten Blick klar…

Horatio, wir haben einen Fall

Die Welt im 22. Jahrhundert: Asien steht komplett unter dem Regime der Greater Han Republic, wo der Himmel schwarz vom industriellen Aufschwung und Arbeitskraft rar geworden ist. Amerika ist eine atomare Wüste voller religiöser Fanatiker und ethikloser Forschungslabors. Europa hat sich zu einem engen Staatenbund zusammengeschlossen, um seine Ideale von Moral und Menschenwürde gegen den Rest der Welt zu verteidigen – zumindest nach außen hin, denn alles was ethisch unvertretbar erscheint, wird verlagert. Und zwar nach Newton, einer fiktiven Stadt irgendwo auf dem afrikanischen Kontinent; eine hochtechnisierte Metropole voller Fortschritt und ohne Restriktionen bei der Forschung, eben das namensgebende Technobabylon. Newton wird von einer sich selbst bewussten KI namens Central verwaltet, die nicht nur alle administrativen Aufgaben wie Wasserversorgung und Agrikultur steuert, sondern auch Exekutive und Jurisdiktion in sich vereint, lediglich kontrolliert vom Newton’schen Senat. Zudem ist Newton Dreh- und Angelpunkt des weltweiten Internetnachfolgers, der Trance, in die man konsequenterweise seine komplette Persönlichkeit hochlädt, während man browst. Die Trance ist zum Second Life besonders der armen Bewohner geworden, denen die staatliche Stütze gerade so zum Überleben reicht. Ausgeloggt wird nur zur Nahrungsaufnahme und auch nur wenn man sich keinen Tropf leisten kann.

In der Trance lassen sich Geräte manipulieren und KIs gegeneinander aufspielen.

In der Trance lassen sich Geräte manipulieren und KIs gegeneinander aufspielen.

Dieses neonfarbene Szenario erleben wir aus der Sicht von drei Charakteren, deren Wege sich wenig überraschend immer wieder kreuzen: Dr. Charles Regis, ehemalige Koryphäe auf dem Gebiet der Gen-Forschung, jetzt hochrangiger Ermittler bei CEL, der von Central gesteuerten Polizeistaffel Newtons, und einer der wenigen Menschen ohne Augmentierungen. Dr. Max Lao, Regis‘ Schreibtischpartnerin und Expertin in Sachen Hacking, die mit den Platinen in ihrem Kopf so ziemlich jeden Computer in die Knie zwingen kann. Und Latha Sesame, Trance-abhängige Arbeitslose, für die jeder Schritt in der materiellen Welt einer zu viel ist.
Während Latha zu Anfang lediglich versucht, ihre Trance-Leitung wiederherzustellen, um ihrer Sucht nachgehen zu können, verstrickt sie sich nach einem Anschlag auf ihr Leben schnell in eine Mordserie, deren Täter Lao und Regis auf der Spur sind. Doch der Killer hat etwas in der Hand, womit er Regis kontrolliert: Das letzte Vermächtnis dessen ermordeter Frau. Während Regis unter der Erpressung des Mörders selbst in die Kriminalität abrutscht und gleichzeitig versucht den Fall zu lösen, riecht Lao den Braten und versucht, den Kopf ihres Partners aus der Schlinge zu ziehen.
Das Setting von Technobabylon klingt nach einer sehr generischen Cyberpunk-Dystopie. Die allmächtige, böse KI, das Verbrechersyndikat, der erpressbare, machtlose Cop. Technobabylon lockt mit einer seichten Geschichte und einem dahinplätschernden Spielerlebnis, dem x-ten Cyberpunk-Aufwärmbrei nach Deus Ex, Shadowrun und dem hauseigenen Gemini Rue. Der Reiz des Spiels entfaltet sich sogar zweifellos am allerbesten, wenn man mit genau dieser Einstellung zu spielen beginnt, zuerst gar nicht eintauchen will, lediglich ein bisschen an der Oberfläche kratzen möchte. Hier ins Detail zu gehen wäre ein fataler Spoiler, deswegen sei nur gesagt, dass sich hinter jedem dieser Punkte ein bisschen mehr versteckt als man ursprünglich denkt.

Keine Experimente – zumindest beim Design

Obwohl wie schon Gemini Rue nicht von Wadjet Eye selbst entwickelt, besitzt Technobabylon doch den charakteristischen Pixellook aller Wadjet Eye-Adventures, der vor allem die Blackwell-Reihe berühmt gemacht hat. Dieser stammt zum großen Teil aus der Feder Ben Chandlers, der auch bei Technobabylon unverkennbar Unterstützung geleistet hat. Bei aller Liebe, die ich dem Stil entgegenbringe, muss man dennoch zugeben, dass er eine ziemliche Hit-or-Miss Angelegenheit darstellt. Entweder man liebt die detaillierten Umgebungen und Dialogporträts mit unterschiedlichen Gesichtsausdrücken, oder man hasst den „Pixelbrei“ und hat seine liebe Mühe damit, alle Gegenstände in den Gebieten zu finden, weil man sie manchmal schlicht nicht als solche erkennt. Das fällt aber gerade bei Technobabylon nicht so sehr ins Gewicht, denn die Jagd nach einzelnen Pixeln wie in so vielen anderen Adventures entfällt hier. Obwohl es für ein Wadjet Eye-Adventure recht viele Items zu suchen gilt, sind sie alle recht groß oder farblich doch zumindest deutlich erkennbar, Frustpotenzial kommt hier nicht auf. Die Animationen sind besonders in den Dialogen gut, jeder Charakter hat eine leicht eigene Körperhaltung, die ihn ausmacht. Lediglich beim Gehen sehen sie alle etwas steif aus, da hätte ein zusätzliches animiertes Gelenk einen großen Unterschied gemacht.

Die wunderschönen Hintergründe zeugen von Ben Chandlers Erfahrung und Talent.

Die wunderschönen Hintergründe zeugen von Ben Chandlers Erfahrung und Talent.

Aus der Menge der Items leitet sich auch das recht klassische Spieldesign ab, denn Technobabylon wartet tatsächlich mit einem kontinuierlichen Strom aus Kombinationspuzzles auf, ganz im Gegensatz zu Wadjet Eyes‘ üblichem Ansatz, der mehr auf dialogbasierten Fortschritt setzt. Hier bemerkt man deutlich den Unterschied im Entwickler. Dennoch, gerade deshalb ist es spielerisch so gut; Die Rätsel sind alle sehr intelligent gestaltet, unlogische Kopfnüsse, wie wir sie zuletzt etwa in Grim Fandango erlebt haben, bleiben völlig außen vor. Zudem haben alle drei spielbaren Charaktere ihre eigenen kleinen Kniffe, wodurch sich für jeden einzelnen ein angenehmes Rätselmuster finden lässt. Charlie als altmodischer Cop setzt eher auf klassisches Kombinieren von Items und Umgebungen, während Max eher Rätsel zu lösen, als Umgebungspuzzles zu knacken hat. Latha dagegen hat nicht nur den Zugang zu der digitalen Ebene der Trance, auf der sie mit Geräten und Software interagieren kann, sondern auch absolut keine Bindung zur materiellen Welt, weswegen hier Gewalt durchaus auch eine Lösung ist.
Es gibt nämlich in fast jeder Umgebung einige verschiedene Wege, diverse Rätsel zu lösen. Das wirkt sich nie auf den Ausgang der Sektion aus, verhindert aber das altbekannte Problem, dass ich vor einem Problem stehe und denken muss: „Na gut, der Entwickler hat einen anderen Weg geplant, aber in der Realität hätte meiner eindeutig auch funktioniert.“ So kann Charlie Regis etwa mit Gewalt eine Tür auftreten, mit seinem Taser das elektronische Schloss grillen oder aber seine Kollegin Lao bitten, den Türcode zu knacken. Konsequenterweise gibt es dann auch noch die ein oder andere kleine Entscheidung, die sich auf das Ende des Spiels auch tatsächlich auswirkt. Das ist nicht viel, oft nur ein zusätzlicher Dialog oder ein anderer Charakter in einer gewissen Position, doch es sorgt für eine gewisse Dynamik. Und sieht man sich die Anzahl der Steam-Achievements an – 40 Stück – kann man davon ausgehen, dass motivierte Jäger beim Erreichen dieser Endsequenzen auch belohnt werden.

Hier gibt es genug zu puzzeln: Alte Hasen freut's.

Hier gibt es genug zu puzzeln: Alte Hasen freut’s.

Musikalisch lässt sich Technobabylon nichts vorwerfen, sticht aber auch nicht heraus. Die Hintergrundstücke strahlen immer eine gewisse Bedrohlichkeit aus und klingen passenderweise nach Zukunft und Cyberpunk, setzen also hauptsächlich die Atmosphäre für die gigantischen schwarzen Wolkenkratzer und neonleuchtenden Schaltflächen auf dem Bildschirm. Heraus sticht nichts, aber das war wahrscheinlich auch nie Intention des Soundtracks.

Fazit zu Technobabylon

Je nachdem, welches Setting man bevorzugt, kann man Technobabylon entweder als einsamen Gipfel von Wadjet Eye Games‘ Spielekatalog bezeichnen oder es Auge in Auge mit der Blackwell-Reihe setzen. Ohne Zweifel übertrumpft dieses Point & Click-Adventure nahezu jedes andere ähnliche Spiel auf dem Markt und auch das hauseigene Gemini Rue wird hier in den Schatten gestellt. Leider wird es wohl dennoch einen deutlich schwereren Stand haben als seinerzeit Gemini Rue, da dieses gerade in Steams Anfangszeit gekonnt in Szene gesetzt war. Wer Cyberpunk, hervorragende Dialoge, intelligente Rätsel und den charakteristischen Pixellook in einem Adventure attraktiv findet, der macht hier nichts falsch. Es würde mich nicht wundern, wenn sich Technobabylon Ende des Jahres in diversen Adventure of the Year-Listen wiederfinden wird.
Technobabylon ist erhältlich über Steam, gog.com, humble und die Wadjet Eye-Website. Auf Steam enthält es Achievements und Sammelkarten, außerdem gibt es dort eine Demo des Spiels herunterzuladen.

3 Gedanken zu “Technobabylon – Police Quest am Adventurehimmel

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