Quickshot: N++ hat mich gebrochen

Ich bin ein „Completionist“. Ein Spiel, sofern ich es auch nur ein bisschen leiden kann, verschwindet erst dann in meiner „Abgeschlossen“-Kopfschublade, wenn ich alles gesehen habe. Das heißt alles machen, alles sammeln. Mein PSN-Konto begutachte ich nur dann mit Wohlwollen, wenn ich meine Spiele mit möglichst vielen erlangten Trophäen abschließe. Was für viele Leute zwanghaft und furchtbar klingt, macht mir einen Heidenspaß. Zu komplettieren erzeugt ein Gefühl von Ordnung, von Befriedigung, das Spiel gemeistert zu haben. Besonders in Plattformern ist die Herausforderung, alles zu sammeln, ja meistens größer als die, alles zu sehen. N++ ist da keine Ausnahme. Alle Level zu sehen ist…machbar. Irgendwie, für irgendwen, der nicht so schlecht ist im Hüpfen und Ausweichen wie ich. Alles zu Sammeln ist unmöglich. Ich habe aufgegeben. Nicht nur das Sammeln, sondern auch das Spielen. N++ hat mich besiegt, und so schrecklich das für den Completionist-Kopf klingen mag: Ich lege es mit viel Respekt und einem ganz anderen Gefühl der Befriedigung zur Seite.

Die wenigsten Videospiele zeigen uns unsere Grenzen auf. Manchmal passiert das storytechnisch, indem mit Gefühlen gespielt wird wie in Brothers: A Tale of Two Sons. Nur selten schafft es das Gameplay, ein solches Gefühl zu erzeugen. Selbst Spiele, die gemeinhin als bockschwer gelten, wie Dark Souls oder Super Meat Boy, lassen sich recht schnell durchdringen und meistern, wenn man die entsprechende Motivation an den Tag legt. N++ ist da sicher in der Hinsicht keine Ausnahme, das Übung den Meister macht. Wer genug Zeit investiert, der schafft es auch, den Hindernissen auszuweichen, die zielsuchenden Raketen in Wände zu lenken und dem Ninja mit perfektem Timing über Sprünge und Rampen genug Schwung zu verleihen, um in einem Rutsch ins Ziel zu gelangen. Vielleicht ist es sogar irgendwie möglich, überall alle Goldstücke zu sammeln. Großes Vielleicht. Durchspielen kann N++ aber keiner. Über 1000 Level stehen standardmäßig zur Auswahl, durch den Leveleditor kommen täglich sicher hunderte hinzu. Die N-Community ist hingebungsvoll, und das bedeutet vor allem, hingebungsvoll damit beschäftigt, den Schwierigkeitsgrad in die Höhe zu treiben. Und N++ ist schon von sich aus kein einfaches Spiel, in der sehr ausführlichen Intro-Kategorie, die als Tutorial dient, stirbt es sich genauso oft wie in den normalen Levels. Der Ninja steuert sich nicht präzise wie Mario, sondern schwebt beinahe durchs Level, klebt an Wänden wie Meat Boy und stirbt bei jedem Treffer. Das erste Achievement, das man zu sehen bekommen wird, nennt sich You suck, but that’s okay. Dafür muss man nur im Tutorial sterben. Ist nicht einmal anstrengend.

Trotzdem macht N++ riesigen Spaß. Der minimalistische Look lässt sich modifizieren, wem grau-weiß nicht zusagt, der wechselt vielleicht gerne zu violett-gelb? Nur die Musik ist gewöhnungsbedürftig, in meinem Ohren sogar manchmal so furchtbar, dass ich den Ton ausstellen muss. Elektrogezische ohne erkennbaren unterliegenden Beat, Rhythmen wie ein Rausch. Das macht dennoch absolut Sinn, denn N++ spielt man nur dann gut, wenn man sich diesem Rausch hingibt. Wer den Ninja richtig spielen will, braucht einen Spielfluss, einen Flow, den man wohl nur dann so richtig zu schätzen weiß, wenn sich der ganze Kopf darauf einstellt.

Und warum stehe ich nun so auf N++, obwohl ich offensichtlich zu schlecht bin? Erst einmal macht kaum ein anderes Spiel das Platforming so, wie N++ es tut. Der furchtbar schwer zu kontrollierende Hauptcharakter sollte ein Quell der Frustration sein, ist aber für Veteranen des Genres (Hinweis: Nicht ich) ein total genialer Grund, sich darin zu verbeißen, und für Neulinge (Hinweis: Sowas von ich) durch den Flow, das schnelle Neustarten und das befriedigende Gefühl wenn der Ninja genau dahin springt wie ich es will eine Belohnung für sich.
Ich werde trotzdem nicht weiter spielen. Ich neige mein Haupt vor N++ und wende meine Noob-Aufmerksamkeit wieder Puzzle-Platformern zu. N++ hat es sich ehrenhaft verdient mich zu knechten, und jeder weitere Tod dient dem nur zur Bestätigung. Es tut gut, von einem Spiel aufgezeigt zu bekommen, dass man nicht alles komplettieren kann. In einer Spielekultur, in der Schwierigkeitsgrad sonst nur durch Zeitaufwand definiert wird, packt N++ deinen Nacken, rammt dein Kinn auf seine Schultern wie Stone Cold Steve Austin und pinkelt dir dann ins Gesicht. Danke, Metanet Software.

2 Gedanken zu “Quickshot: N++ hat mich gebrochen

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