Yu-Gi-Oh! Legacy of the Duelist – They finally did it

Ich weiß nicht genau, wann ich angefangen habe, ein ordentliches Yu-Gi-Oh!-Spiel zu suchen. Ich hatte eines auf dem GameBoy Color und eines auf der ersten PlayStation, also war ich höchstens neun Jahre alt. Als Yu-Gi-Oh!-Sammelkartenspieler wollte ich immer auch zu Hause digital neue Taktiken ausprobieren, Duelle spielen und neue Karten sammeln. Blöderweise waren die Spiele immer alle auf ihre Art scheiße. Nicht „Dreck aus der Hölle“-Scheiße (Danke Wolfgang Fischer), nein. Yu-Gi-Oh! Duelist of the Roses auf der PlayStation 2 war ein ziemlich gutes Strategiespiel, Forbidden Memories auf der PSX hatte eine tatsächlich ganz gute Story, und Die Heiligen Karten auf dem GameBoy Advance konnte irgendwie noch als nettes RPG durchgehen. Aber das waren alles furchtbare Sammelkartenspiele. Und endlich, endlich, nach dreizehn Jahren vergeblicher Suche schafft Konami es, einen simplen, funktionstüchtigen Duellsimulator zu veröffentlichen, der genau deswegen alles ist, was ich von Yu-Gi-Oh! je wollte. Yu-Gi-Oh! Legacy of the Duelist ist schlicht, klein und sich seiner Wurzeln bewusst – aber vollgepackt mit Karten, den echten Regeln und einem Haufen Nostalgie für die, die sie möchten.

Schlichte Aufmache, aber gute Umsetzung: Nicht von der Grafik abschrecken lassen.
Schlichte Aufmache, aber gute Umsetzung: Nicht von der Grafik abschrecken lassen.

Als Yu-Gi-Oh!-Spieler hat man es ja generell nicht ganz leicht. Von Magic: The Gathering-Spielern wird man ausgelacht, weil man sich mit so einem Kinderspiel beschäftigt, von Konami bekommt man für diverse Booster ordentlich Kohle aus der Tasche gezogen und für den Rest der Welt ist man sowieso komisch, egal ob man Magic, Yu-Gi-Oh!, Pokémon oder sonst ein Kartenspiel mag. Obwohl ich schon fast genauso lange nichts mehr mit dem Milieu zu tun habe, blicke ich doch voller positiver Nostalgie auf gute acht Jahre Yu-Gi-Oh! -Spiel zurück, in denen ich es zwar nie über lokale Turniere hinaus geschafft, aber doch jede Menge Spaß gehabt habe. Die – wie oben erwähnt reichlich beschissenen – Spiele stehen auch noch im Schrank. Und jetzt, wo mir das eigentlich alles total egal ist, kommt Konami daher und schafft es mit dem simpelsten Trick, dem Yu-Gi-Oh! -Franchise einen digitalen Vorstoß in die Reihen der guten Kartenspiele zu geben: Sie kopieren Magic: The Gathering.

Fies? Na gut, Es gab natürlich auch Spiele, in denen das Duellieren ganz gut geklappt hat. Die Heiligen Karten hatte ein fast normales Kartensystem, es wollte nur zu viel RPG sein. Die World Championship -Serie für Nintendo DS hatte die richtigen Regeln und war hübsch aufgemacht, aber zwischen den Duellen musste man sich mit einer der berüchtigten Pseudo-Storys beschäftigen. Nach dem Motto ‚Lieber gut geklaut als schlecht selbst gemacht‘ hat sich Konami nun eifrig an den jährlich erscheinenden Duels of the Planeswalkers -Spielen beziehungsweise dem kürzlich erschienenen Free to Play-Titel Magic Duels bedient und gnadenlos alles aus ihrem Spiel verbannt, was nicht die reine Sammelkartenfreude anspricht. Es gibt keine RPG-Elemente, keine neu erfundene Story, keine Spielbrettvariationen mit Spielsteinen oder Rundenstrategie-Elementen. Nur ein Menü, in dem man Einzelspieler, Mehrspieler und den Boosterpack-Shop aufruft. Letzteren befeuert man mit den Punkten, die man beim Duellieren gewinnt. Dabei herrscht nie Mangel, denn dass es der Thrill beim Booster öffnen ist, der die Sammler bei der Stange hält, das weiß Konami; ein neues Pack kann man sich eigentlich immer leisten. Mit den gezogenen Karten kann man sich dann die verschiedensten Decks bauen, entweder nach Vorlagen oder komplett frei. Ich habe sofort versucht, mein altes Deck nachzubauen, das ohne Angriffe, sondern nur über Effektschaden funktioniert. Das war aber eher mäßig spaßig, die benötigten Karten sind zwar alle vorhanden (insgesamt sollen es etwa 6600 sein), die KI ist aber zu rudimentär, um sich in bestimmte Verhaltensmuster drängen zu lassen.
Das ist nämlich fast der einzige Kritikpunkt, den ich Yu-Gi-Oh! Legacy of the Duelist machen kann. Die Spielregeln stimmen, es sind so viele Karten vorhanden, wie man sich nur wünschen kann, doch die KI ist sehr, sehr beschränkt und lässt sich in so viele Fallen locken, dass man sich schon fragen muss, ob da jemand Probe gespielt hat. Liegt ein schwaches Monster in Angriffsposition auf meinem Feld, wird der Gegner es immer angreifen, wenn er kann – ungeachtet dessen Effekt oder eines mächtigen zweiten Monsters auf meiner Seite, das seinen Angreifer auslöschen kann. Immerhin haben einige speziellere Charaktere bestimmte grobe, ihrem Animecharakter entsprechende Verhaltensweisen spendiert bekommen – May Valentine etwa weiß ihre Harpyien-Karten durchaus zu benutzen, auch wenn sie wie alle anderen NPCs dazu neigt, ihre Hand schon bei erster Gelegenheit komplett zu verfeuern.
Der andere Kritikpunkt ist ein wahnsinnig dämlicher, und ich hoffe wirklich, dass Konami den noch heraus patcht, denn das kann den Spaß nach einem unbedachten Klick ganz schön versauen: Es gibt keinen Abbrechen-Knopf im Match. Wenn ich aus Versehen anklicke „Ja, ich möchte zwei Monster opfern“ stecke ich in der Opferauswahl fest und kann das nicht mehr abbrechen. Das ist ziemlich lächerlich und hat mich schon einige Siege gekostet.

Ziemlich hässlich, aber mit trashigem Charme: Die Signaturkarten der Hauptcharaktere.
Ziemlich hässlich, aber mit trashigem Charme: Die Signaturkarten der Hauptcharaktere.

Nur das Nötigste, das aber gut

Grafisch ist Legacy of the Duelist ziemlich schwach, was ich in diesem Fall allerdings für eine gute Entscheidung halte. Das Spielfeld ist schlicht und weiß und verändert sich nur wenn Feldkarten gespielt werden, in welchem Fall der weiße Hintergrund eben gegen einen großen gezeichneten Baum oder eine Wüste ausgetauscht wird. Die Karten selbst sind hochaufgelöst, selbst in der Kleinansicht lassen sich die Texte noch gut lesen – darunter werden sie aber auch in einer scrollbaren Textbox angezeigt. Benutzen der Karten wird mit sehr simplen grafischen Effekten unterlegt, die zwar nicht stören, aber ein bisschen so wirken wie die gleichen Effekte aus Forbidden Memories damals auf der PSX; Ebenso wie die ganz seltenen animierten Kartenportraits. Greife ich mit einer der Signaturkarten der Hauptcharaktere an, etwa Joeys Schwarzem Rotaugen-Drachen oder Yugis Schwarzem Magier, erscheint ein 3D-Abbild der Karte und attackiert. Das sieht echt nicht gut aus, hat aber irgendwie einen ziemlich trashigen Charme – vielleicht bin das aber auch nur ich, weil ich Forbidden Memories echt gern gespielt habe und diese Modelle wirklich wie aus der PSX-Zeit wirken.

Die Spielmodi, die Legacy of the Duelist zu bieten hat, sind alles in allem ziemlich gut. Der Multiplayer ist leider nur online vorhanden, eine lokale Variante hätte sich angeboten. Dafür ist der Singleplayer sehr nett. In insgesamt vier Kampagnen lassen sich die vier ersten Story-Arcs nachspielen – also Yugis Story, Jadens Story, und die zwei danach, von denen ich nur weiß, dass sie irgendwas mit Cardgames on Motorcycles zu tun haben. Eine fünfte Kampagne ist ebenfalls im Menü aufgeführt, spielbar ist da jedoch nur das Tutorial zu einer neuen Fusionsart. Der Rest der Kampagne muss in Einzelteilen per DLC dazugekauft werden – jeweils zwei Matches plus einiger Karten machen fünf Euro. Das sind bei jetzigem Stand vier Packs, also zwanzig Euro, da die aktuelle Staffel sicher noch länger läuft, kommen da garantiert noch einige dieser Packs dazu. Das ist frech und schade, denn mit zwanzig Euro ist Legacy of the Duelist eigentlich gerade so in der Preisklasse, die es verdient. So eine miese DLC-Politik versaut mir da ganz ordentlich die Laune, zumal sich weitere Karten ebenfalls nur in Deckpaketen zu je fünf Euro kaufen lassen. Möchte ich ein bestimmtes Deck der neueren Generation nachbauen und die Karte ist nicht im Hauptspiel, muss ich in die Tasche greifen.
Jedenfalls sind die Storystränge ganz nett im Stil einer Visual Novel aufbereitet. Darin werden dann jeweils die wichtigen Punkte im Dialog erklärt und der grobe Grund für das Duell, das gleich folgt. Als jemand der die ersten beiden Story-Arcs als Kind gern gesehen hat, hatte ich an dieser Präsentation durchaus meine Freude.
Für das Besiegen der Gegner in den Kampagnen schaltet man neben Geld deren Charakterporträits als Avatare frei, ihre Deckvorlagen, und hin und wieder ein Boosterpack mit Karten bis zu diesem Punkt der Story, das ab dem Zeitpunkt zum Verkauf steht. Zusätzlich lässt sich jedes Duell auch als Reverse Match spielen, also mit dem Deck des eigentlichen Kontrahenten gegen den Protagonisten. Oh, und man muss auch nicht mit dem von der Story vorgegebenen Deck spielen: Vor jedem Duell bekommt man die Wahl zwischen Story Deck und Custom Deck. Das ist klasse und verhindert Frust, wenn man vor dem Problem steht, mit Joeys miesem Deck gegen Seto Kaibas Weißen Drachen mit eiskaltem Blick bestehen zu müssen.

Die Story wird verständlich nacherzählt, kann aber auch übersprungen werden.
Die Story wird verständlich nacherzählt, kann aber auch übersprungen werden.

Fazit zu Yu-Gi-Oh! Legacy of the Duelist

Konami hat es endlich geschafft, mit Yu-Gi-Oh! Legacy of the Duelist einen simplen, gut funktionierenden Kartenspielsimulator zu veröffentlichen. Da die Karten alle ordentlich hochauflösend aussehen, stört auch der schlichte Look das reine Spielvergnügen nicht. Lediglich das sinnfreie Fehlen einer Abbrechen-Funktion in Kämpfen kann den Spielspaß trüben. An der DLC-Politik muss man zudem auch keine Freude haben. Alte Hasen wie ich, die sich um die neuen Staffeln nicht kümmern, werden sich wenig daran stören, die neuste Kampagne nicht spielen zu dürfen und auf die Karten verzichten zu müssen. Wer jedoch aktiv die Serie mitverfolgt oder beim Sammeln auf dem neusten Stand ist, der wird hier die Stirn runzeln. Für zwanzig Euro ist Yu-Gi-Oh! Legacy of the Duelist vollkommen angemessen, ob man die teuren DLCs braucht, darüber sollte jeder selbst nachdenken. Zu kaufen gibt es Yu-Gi-Oh! Legacy of the Duelist nur für PlayStation 4 und Xbox One im jeweiligen digitalen Store, ein PC-Release ist bisher noch nicht bekannt.

Publisher: Konami
Genre: Trading Card Game Simulator
Plattform: Xbox One | PlayStation 4
Release: 31.07.2015

2 Kommentare zu „Yu-Gi-Oh! Legacy of the Duelist – They finally did it

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