Comic-Exkurs: Prophetica: Prophecy One

Heute habe ich etwas ungewöhnliches getan: Ich habe einen Comic gelesen. Eigentlich mache ich das gar nicht gerne. Ich möchte meine Geschichten von Worten vermittelt bekommen, nicht von Bildern; eine Kombination dessen mit Fokus auf den Bildern erscheint mir immer minderwertig. „Show, don’t tell“ ist einfach, wenn man das Zeigen mit Bildern verrichtet; Beeindruckend ist es nur dann, wenn es die Worte schaffen. Aber heute habe ich mir einen Comic durchgelesen, auf den ich gestoßen bin, weil er von einem Spieleentwickler stammt: Prophetica. Vince Twelve aus Nebraska hat zuvor das von Wadjet Eye Games gepublishte Point & Click-Adventure Resonance entwickelt. Wer meinen Technobabylon-Test kennt, weiß dass ich alle von Wadjet Eye Games gepublishten Point & Click-Adventures liebe, Resonance ist da keine Ausnahme. Daher wollte ich sehen, womit Twelve nun seine Zeit verbringt. Prophetica: Prophecy One ist quasi die Pilotfolge der Prophetica-Reihe. Hier versucht euch nun ein Comic-Desinteressierter beizubringen, was er von Prophetica hält.

Es ist natürlich eine Krux über die Story eines Comics zu reden, weit mehr als bei Spielen; Und Twelve hat mich auch verständlicherweise gebeten, es nicht zu tun und möglichst keine verräterischen Screenshots zu veröffentlichen. Also sachte: Prophetica scheint auf einem Wüstenplaneten zu spielen, voller fantastischer Kreaturen und einer degenerierten menschlichen Kultur – wer da Mad Max denkt, könnte vielleicht gar nicht so falsch liegen. In dieser Welt ist Religion eine tragende Säule, und eine, nein die religiöse Schrift, die Prophetica, lässt folgendes verlauten:

When the pretender’s seed finds purchase in the fertile soil of civilization… the procession must begin.

Wenn der Samen des Täuschers im fruchtbaren Boden der Zivilisation zu gedeihen beginnt, muss die Prozession beginnen.

Die Prozession, das ist ein Zug durch die Wüste, dessen Länge nicht in Schritten, sondern in geopferten Leben gemessen wird. Und auf einem solchen Zug wird der Grundstein gelegt für einen Ruck, der die nächsten Jahrhunderte der Zivilisation erschüttern wird.

Eines der Dinge, die mich an Comics so stören, ist die Aufdröselung der Geschichte in unzählige Ausgaben, die Wartezeiten dazwischen und die horrenden Preise für jedes einzelne Bruchstück. Prophecy One ist ebenfalls nur der erste Teil der Prophetica-Reihe, und bisher auch der einzige fertige. Das kann man Twelve aber nun wirklich nicht vorwerfen; neben ihm arbeiten nur drei weitere Leute an dem Projekt, etwa als Zeichner. Logischerweise fallen die Wartezeiten da lange aus, was aber verständlich ist. Auch beim Preis versuchen die Menschen hinter Prophetica der typischen Melkfalle vorzubeugen: Prophetica wird im pay-what-you-want Modell auf der Website angeboten. Erst mal ausprobieren und später zahlen geht genau so klar wie gar nicht zahlen, aber vielleicht etwas Werbung machen, oder dem Team eine großzügige Spende dalassen.

Beim Beschreiben meiner Beziehung zu Prophetica versagen mir beinahe die Worte. Wie nennt man das, wenn man einen Zeichenstil gut findet? Viel mehr kann ich als Kunstlaie dazu ja kaum sagen. Die „Grafik“ von Prophetica ist dreckig und detailliert, die ausgedörrte Körper der Wüstenwanderer zeigen in jedem Strich ihren Durst und ihr Leid. Die Tiere wirken ein wenig wie Kreationen von George Lucas – auf die gute Weise (ist es nicht traurig, dass man das bei George Lucas immer dazusagen muss? Braun, ockergelb und der pink-orange Farbton des fremden Sandes bestimmen das Bild. In dieser Hinsicht bleibt Prophetica sehr konservativ postapokalypisch.
Zur Story kann und will ich nur sagen, dass Prophecy One eine gelungene Frage aufwirft, den berühmt-berüchtigten Cliffhanger schafft es also: Und was der Prozession und einem gewissen Mädchen, das wohl als Protagonist der Serie ihr Debüt hatte passiert, lässt mich tatsächlich mit Spannung erwarten, wie das wohl weitergeht. Es soll ja nicht einfach dort weitergehen, angeblich. Nein, Prophetica soll sich über mehrere Jahrhunderte in besagter Zivilisation spannen. Welche Auswirkungen wird der gezeigte Wendepunkt haben? Das Konzept ist mir in den Medien, die ich konsumiere, eher wenig bekannt. Also Respekt, Vince Twelve, dafür mich an den Haken bekommen zu haben. Ich freue mich tatsächlich auf Prophecy Two. Vielleicht lese ich ja jetzt irgendwann auch mal freiwillig einen anderen Comic.

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