The Age of Decadence – Die hacken, die Römer

Mit isometrischen Rollenspielen verbindet mich eine bizarre Fetischliebe. Die großen, guten von früher habe ich nie gespielt. Baldur’s Gate? Beim Nachholen letztes Jahr nach ein paar Stunden abgebrochen. Planescape: Torment? Gefällt mir total, aber beim Nachholen letztes Jahr nach ein paar mehr Stunden als Baldur’s Gate abgebrochen. Aber dafür habe ich Lionheart: Legacy of the Crusader, einen verkümmerten Bruder von Baldur’s Gate aus dem Hause Black Isle hoch- und runter genudelt, weil die Atmosphäre und das Questdesign des alternativen Barcelona mich genug faszinierten, um mich auch noch durch die furchtbare zweite Hälfte des Spiels zu tragen. Habe ich übrigens letztes Jahr noch einmal komplett durchgespielt. Heutige Spiele? Pillars of Eternity habe ich noch nicht einmal angefangen. Wasteland 2 gefällt mir überhaupt nicht, der kürzlich veröffentlichte Director’s Cut schmort auf meiner Platte und möchte bestimmt irgendwann einmal ausprobiert werden…irgendwann einmal. Dafür habe ich mich willig in Serpent in the Staglands (Dazu wird auch noch ein Artikel folgen – irgendwann) verbissen, und auch wenn mich das bockschwere Spiel auf demütigende Art und Weise bezwungen hat, hatte ich doch Spaß. Und jetzt kommt The Age of Decadence daher. Ein Spiel, dass von vorneherein als brutal schwer beworben wurde. Ein Spiel, dass zehn Jahre in Entwicklung war. Und ein Spiel, dass man mit genug Geschick ohne eine einzige Kampfhandlung abschließen kann. Schwierigkeitsgrad lockt mich nicht mehr hinter dem Ofen hervor. Das macht heute jeder. Aber letzteres? Das hat mich gepackt – und zwar so richtig.

Ödland ist out, die Antike ist der letzte Schrei

The Age of Decadence überrascht mich das erste Mal beim Setting – alles in der fiktiven Welt ist stark dem römischen Reich nachempfunden. Architektur, Rüstungen, Namen – meinen ersten Durchlauf habe ich einen Praetor gespielt, eine Art Leibwache des Herrscherhauses. Äquivalente anderer Völker der Antike gibt es ebenfalls – die Ordu sind eine Art mongolische Horde, Waffenschmiede verkaufen ägyptisch wirkende Halbmondwaffen und so weiter. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich gemerkt habe, dass The Age of Decadence nicht wirklich in einem Antike-Setting spielt, sondern in der Zukunft – nämlich als mein Praetor zum ersten Mal vor einem der heiligen, jahrhundertealten Relikte der Spielwelt stand: Einer industriellen Erzschmelze direkt aus dem Ende des zwanzigsten Jahrhundert. Und spätestens da war ich voll drin, denn ich wollte wissen ob die Welt nicht vielleicht sogar als zukünftige Version unserer Welt angelegt ist. Darauf gebe ich jetzt hier bewusst keine Antwort, weil mir diese Suche am meisten Spaß gemacht hat, vielleicht tut sie das ja auch. Es gibt in jedem Fall einige Orte zu besuchen, die einem geschichtskundigen Spieler einiges zu denken geben können.

Dem steht die Grafik auch kein bisschen im Weg. Die Screenshots könnten ja schon den ein oder anderen Spieler abgeschreckt haben, da The Age of Decadence aussieht wie von 2005. Obwohl ich auch wirklich keinen Weg auf Grafik lege, ist mir doch Design sehr wichtig, Artstyle. Serpent in the Staglands etwa hat auch keine gute Grafik, doch einen durchgängigen, schönen Artstyle, der sich angenehm anschauen lässt. The Age of Decadence hat das in gewisser Weise auch. Denn durch die verwaschenen Texturen, die hässlichen Figuren und die Clippingfehler fühle ich mich wieder wie in Anfang der 2000er, wenn ich mir ohne Vorkenntnisse im Elektronikladen ein billiges PC-Spiel gekauft und einfach drauf los gespielt habe. Meistens war das Grütze, aber manchmal kam dabei ein echtes Juwel zum Vorschein, das mich bis heute begleitet. Ja Gothic, ich meine dich. Und The Age of Decadence fühlt sich an wie eines dieser Juwele, in einer Zeit, in der ich über alles was ich kaufe vorher schon genauestens Bescheid weiß. Allein dafür muss ich es lieben.

Nicht kämpfen zu müssen – um den Punkt nicht zu vergessen – funktioniert übrigens durch eine clevere und schwer balancierbare Verteilung der Skillpunkte. Mein Praetor ist bewandert in Etikette, Imitation und Überzeugungskunst, und besitzt ein gewisses Maß an dem, was das Spiel „Lore“ nennt – die Kenntnis über die ganzen Neuzeitrelikte, die in der Spielwelt verteilt sind. Generator kaputt? Ruft den Praetor, denn er hat irgendwo schon einmal gelesen, dass man die Dinger mit dem schwarzen Schlamm antreibt, der aus manchen Felsspalten dringt. Im meinem kompletten Spieldurchlauf musste ich einmal kämpfen. Auch das hätte ich vermeiden können, aber gegen Ende wird es quasi unvorhersehbar, welcher Weg zum Kampf führt und welcher sich mit List bewältigen lässt. Denn The Age of Decadence besteht aus dutzenden Questlines, die sich zuhauf gegenseitig ausschließen, und die sich gegen Ende jeweils noch mal in ein halbes Dutzend unterschiedlicher Enden aufspalten. Happy Endings scheint es allerdings keine zu geben. Aber das hätte ich im postapokalyptischen Rom auch ehrlich gesagt nicht erwartet.

The Age of Decadence wurde mir vom Entwickler Irontower Studio freundlicherweise als Reviewkey zur Verfügung gestellt. Danke dafür.

4 Gedanken zu “The Age of Decadence – Die hacken, die Römer

  1. Meine schönsten Erinnerungen an alte PC-Fantasy-RPGs sind wohl Nox und Might & Magic 6. Der kampflose Ansatz in Age of Decadence klingt wirklich interessant und vermutlich werde ich es irgendwann mal mitnehmen, obwohl ich eigentlich erst noch gefühlt 100 andere CRPGs (inkl. Wasteland 2^^) nachholen muss.

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  2. Was ich vielleicht noch erwähnen sollte: Mein (fast) kampfloser Durchgang war in 7 Stunden erledigt :) Es ist also alles andere als ein riesiger Brocken. Stattdessen ist es auf mehrmaliges Durchspielen ausgelegt, da sich viele Questlines schon vom Start des Spiels als Praetor, Dieb, Söldner etc ausschließen.

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  3. Pingback: The Age of Decadence (Iron Tower Studio) | Buy Some Indie Games

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