Type:Rider – Übergangenes i-Tüpfelchen

Arte macht ein Spiel? Himmel, rette sich wer kann. Klingt wie ein Witz? Der Kultursender, der nicht unbedingt bekannt für seine kurzweilige Abendunterhaltung ist, hat tatsächlich seine Finger im Spiel, wenn es um Type:Rider geht, allerdings nicht als Entwickler, sondern als Sponsor. Denn Entwickler Cosmografik hat sich zum Ziel gesetzt, die Geschichte der Schrift an eine Zielgruppe heran zu tragen, die sich dem Klischee nach eher für die Geschichte von Männern mit Schwertern interessiert: Uns Spieler. Ob das klappt?

Zu diesem Zeitpunkt bleiben mir wohl noch etwa fünf Prozent an Lesern, die zwischen „Arte“ und „Schrift“ nicht Gronkh gucken gegangen sind. Denen sei gesagt: Type:Rider macht das, was es tut, ganz schön gut. Das sind zum einen die Vermittlung der Hintergründe der Schrift und zum anderen die spielerische Einbindung desselben.
Type:Rider ist ein Sidescroller, den man im weitesten Sinne als Puzzle-Platformer bezeichnen kann. Aufgabe des Spiels ist es, sich durch die verschiedenen thematisierten Levels zu spielen und dabei Enzyklopädieseiten aufzusammeln, auf denen man die Historie des entsprechenden Themas nachlesen kann. Gespielt wird hierbei der wahrscheinlich ungewöhnlichste Protagonist seit hüpfenden Fleischklumpen: Den Doppelpunkt.
Dieser rollt auf seinen beiden improvisierten Rädern durch Druckerpressen, über Leinwände und Höhlenmalereien, um den Ausgang des Gebiets zu erreichen und damit ein neues frei zu schalten.

Eine Reise durch Microsoft Word

Der Clou bei der Sache? Type:Rider zieht die Erzählung seiner Hintergründe anhand von Schriftarten auf, die jeder kennt, der schon einmal mit MS Word gearbeitet hat. Von den Anfängen des Buchdrucks in Gothic-Schriftart über Garamont und Times New Roman bis hin zur Geschichte des Dadaismus in schlichtem Futura. Type:Rider verbindet seine Thematik clever mit Elementen, die PC-Nutzern tagtäglich über den Weg laufen und damit vertraut sind. So wird direkt eine Verbindung geschaffen und Neugierde geweckt, welches Thema wohl um die jeweilige Schriftart herum aufgebaut wird.
Auf den Buchstaben jener Schriftart bewegen wir uns nun als besagter Doppelpunkt und versuchen, verschiedene Hindernisse zu überwinden. Das reicht von den simplen Formen der Buchstaben selbst – gothische Schnörkel können uns ganz schön vom Kurs abbringen – über Umgebungsgefahren wie ein rollendes O, eine Druckerpresse oder Gewehrschüsse. Ja, Gewehrschüsse. Weil das eben damals so…nun, es passt eben ganz gut in ein Wild West-thematisiertes Level.

Zur Umgehung eben jener Hindernisse steht uns erst einmal nicht viel zu Verfügung: Wir sind ein Doppelpunkt, der durch die Umgebung rollt und springen kann, mehr nicht. Daus ergeben sich allerdings mehr Möglichkeiten als zunächst gedacht: Denn Sprünge lassen sich nicht nur am Boden, sondern auch an Wänden vollziehen, womit sich steile Klippen erklimmen lassen. Und drehen wir uns nach einem Sprung in der Luft um neunzig Grad, sodass wir auf nur einem Punkt statt beiden landen, quetscht das den Doppelpunkt ein Stück weit zusammen, was uns Schwung für den nächsten Sprung gibt, der damit höher ausfällt. Da das alles mit ordentlich Timing verbunden ist, denn der Doppelpunkt fällt natürlich wieder um beziehungsweise rutscht von der Wand, bringt das einen sehr angenehmen Fluss ins Spiel, bei dem man eine Bewegung an die andere knüpfen möchte, um nicht den Schwung zu verlieren.

Sammelspaß mit Buchstaben

Jedes der insgesamt neun Levels verfügt hier über eine ganze Reihe Sammelobjekte. Einerseits gibt es jeweils eine Handvoll Asterisken zu finden, die eine Seite des Ingame-Lexikons freischalten, auf dem der gerade repräsentierte Levelabschnitt historisch erklärt wird. Diese sind nicht versteckt, sondern liegen offen auf dem Weg, was wenig verwunderlich ist, denn man soll ja die Geschichte kennen lernen.
Des Weiteren hat jeder Level das komplette Alphabet in seiner entsprechenden Schriftart zum Sammeln parat. Auch das bietet erst einmal keine wirkliche Herausforderung, denn man sammelt die Buchstaben in der richtigen Reihenfolge ein, weswegen man sofort bemerkt, wenn man einen verpasst hat. Hin und wieder und gerade in späteren Levels muss man für manche Lettern allerdings auch mal vom Weg abkommen oder einen riskanten Sprung wagen. Und dann gibt es da noch das Et-Zeichen, also das &, von dem sich pro Level eines finden lässt, und das ist dann ordentlich versteckt. Wer also gern sucht und auf seine Umgebung achtet, dem wird damit geholfen.
Zuletzt soll auch die enorme Portion Nerd-Humor nicht unerwähnt bleiben. Während die ersten drei Viertel an Leveln zwar sehr gut inszeniert, aber brav historisch angehaucht bleiben, wie etwa besagtes Cowboy-Gebiet, arten gerade die letzten beiden Level in einen einzigen großen Fanservice an das Internet und die Spielekultur der Achtziger und Neunziger Jahre aus. Wer zynisch ist, könnte behaupten, dass Cosmografik diese Liebeserklärung an die Popkultur absichtlich in die Level eingebaut hat, zu denen wahrscheinlich kein Investor vorgedrungen ist, so oder so kann man sich auf diese Weise aber auf ein paar nette Überraschungen und den ein oder anderen Schmunzler freuen.

Fazit

Obwohl Type:Rider schon vor einigen Jahren veröffentlicht wurde, hat es wenig Aufmerksamkeit erfahren. Natürlich, auf den ersten Blick ist es nur ein weiterer Puzzle-Plattform Sidescroller, dazu auch noch mit einem trockenen Thema. Und das Arte-Logo im Trailer schreit quasi nach angestaubter Lektüre. Doch hinter der Fassade aus Lehrmitteln findet sich in Type:Rider ein sehr unterhaltsames kleines Spiel, das sich in zwei Stunden bequem durchspielen lässt. Gefordert zu werden darf man hier nicht erwarten, und ein Lerneffekt tritt auch nur dann ein, wenn man es wirklich möchte. Dafür sind die Levels allerdings so schön gestaltet und clever designt, dass es schlichtweg Spaß macht, seinen Doppelpunkt über Setzbuchstaben und Airbrushpistolen zu lenken. Steam Achievements und Trading Cards sind ebenfalls vorhanden, für all diejenigen, denen Sammelobjekte im Spiel nicht genug sind. Type:Rider lässt sich auf Steam und itch.io, aber auch im App Store von Apple und auf Google Play für Android Phones und Tablets kaufen.

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