Deponia: The Complete Journey – Müll, Müll, nochmals Müll?

Deponia. Kaum ein deutscher Gamer, der mit dem Namen nicht etwas anfangen kann, und auch in die englischen Lande ist die Adventure-Reihe mittlerweile ganz passabel vorgedrungen. Das Hamburger Entwicklerstudio Daedalic Entertainment um Gründer Poki alias Jan Müller-Michaelis hat sich vor allem durch die Serie um den gleichnamigen Schrottplaneten seine Lorbeeren verdient. Nachdem die Reihe nun seit einiger Zeit bereits abgeschlossen und weitestgehend aus dem medialen Fokus verschwunden ist, hat sich Daedalic dazu entschlossen, mit Deponia: The Complete Journey eine vollständige Trilogie zu veröffentlichen, inklusive Entwicklerkommentaren und einiger kleinerer Verbesserungen. Lohnt sich also der Kauf für Besitzer der einzelnen Spiele, oder doch nur für Leute, die Deponia vorher noch nie besucht haben?
Hinweis: Wer die drei einzelnen Spiele schon besitzt kann direkt zu den letzten beiden Abschnitten springen, alles darüber ist an Neueinsteiger gerichtet.

Dududum, man nennt ihn Rufus. Ru-fuuuuuus, yeah.
Dududum, man nennt ihn Rufus. Ru-fuuuuuus, yeah.

Müll. Müll. Ein Leben in Ordnung und Zufriedenheit. Ach nein, es ist Müll. Willkommen auf Deponia, einem Planeten, der von oben bis unten so zugemüllt ist, dass ein Teil der Bewohner vor über hundert Jahren die Schnauze voll hatte und sich aufmachte nach Elysium, einer gigantischen schwebenden Stadt über der enormen Müllhalde. Angeblich lebt es sich dort sauber und in Saus und Braus, und die Wasserrutsche hat rund um die Uhr geöffnet.
Für die Bewohner Deponias ist das jedoch nicht mehr als eine Bettgeschichte. Elysium sehen sie zwar tagtäglich am Himmel schweben, und es gibt da diesen Organon, eine Soldatentruppe, die irgendwie mit den Elysianern in Verbindung zu stehen scheint, aber nicht mehr tut als Müll von hier nach da zu schichten. Von den Elysianern hat aber seit deren Aufstieg keiner mehr etwas gehört, weswegen die Deponianer deren Existenz einfach hinnehmen und ihr eigenes Leben führen. Naja, alle bis auf einer. Und in das zweifelhafte Vergnügen dessen Rolle schlüpfen wir nun auch: Rufus.
Rufus ist Dorftrottel und wahnsinniger Wissenschaftler in einem: In einer Schrottsiedlung aufgewachsen, nachdem sein Vater ihn verlassen hat, ist er der festen Überzeugung, dass sein Dad es geschafft hat nach Elysium zu gelangen und eifert ihm nach. Einen Plan nach dem anderen denkt er sich aus, und meistens beinhalten besagte Pläne die Sprengung eines Hauses in der Nachbarschaft oder ein wild gewordenes Gnu im Wohnzimmer seiner Exfreundin. Wenig überraschend hat das bisher noch nie geklappt, aber davon lässt sich Rufus nicht beirren. Inmitten eines neuen, haarsträubenden Plans setzt Deponia: The Complete Journey nun an und übergibt uns die Kontrolle über Rufus. Von hier an geht es nicht nur um Rufus‘ missglückte Planungen, sondern es spannt sich bald zu etwas weit Größerem auf. Mehr soll auch gar nicht über die Story verraten werden, denn diese ist einer der größten Trümpfe der Serie, zusammen mit einem anderen, nicht zu unterschätzenden Punkt: dem Protagonisten.
Rufus ist ein Riesenarschloch. Er ist sozial absolut unbrauchbar, beleidigt und verletzt ständig diejenigen, auf die er angewiesen ist, etwa seine Exfreundin, die ihm immer noch Wohnung gewährt, und schert sich nicht darum, was er mit seinen Aktionen zerstört. Dazu ist er absolut selbstverliebt und hält sich nicht nur für ausnehmend gut aussehend und lässig, sondern auch für was Besseres als alle anderen. Und irgendwie ist das alles trotzdem noch nachvollziehbar verpackt in einen unsicheren Sturkopf, der es einfach nie besser gelernt hat. Selten spielt man in einem Point & Click Adventure einen menschlicheren Charakter, und irgendwie hätte man doch auch selbst gern diese konsequenzlose Schamlosigkeit.
Über den Kurs der drei Spiele entwickelt sich das ganze auch noch spürbar weiter, nicht nur Rufus selbst, sondern auch die anderen Charaktere, auf die er trifft und die ihn über die Reise begleiten. Richtige Charakterentwicklung in einem Spiel wie diesem zu finden hat mich dermaßen überrascht, dass ich sie hier unbedingt positiv hervorheben muss.

Der verdutzte Freund da links ist unser Hauptcharakter, Rufus. Nicht nur seine Klamotten spiegeln den Müllplaneten wider.
Der verdutzte Freund da links ist unser Hauptcharakter, Rufus. Nicht nur seine Klamotten spiegeln den Müllplaneten wider.

Rundum stimmig trotz Asbestbefall

Wenn ihr euch die Bilder anseht, könnt ihr bestimmt schon einschätzen, ob euch der Zeichenstil zusagt oder nicht. Nachdem das natürlich Geschmackssache ist, lässt sich aber doch ohne weiteres sagen dass besonders die Hintergründe unglaublich detailliert gezeichnet sind, und auch die Charaktere haben alle ihre kleinen Eigenheiten, die sich deutlich in ihrem Modell widerspiegeln. Lediglich Mimik und Animationen lassen sich freundlich ausgedrückt als hakelig bezeichnen, nur Rufus‘ Gesicht hat wirklich schön animierte Mimiken spendiert bekommen, die meisten anderen besitzen nicht mehr als zwei verschiedene Brauenhaltungen. Die Animationen im Allgemeinen wirken an einigen Stellen fehl am Platz, so stimmen zum Beispiel Laufanimation und Lauftempo bei Rufus nicht wirklich überein, was je nachdem in welche Richtung man ihn laufen sieht zu ulkigen Effekten führt. Das sind aber lediglich Kleinigkeiten, die das Spielerlebnis nicht schmälern.

Gar keinen Makel kann man allerdings am Soundtrack finden. Finn Seliger, der schon den Soundtrack zu Daedalic Entertainments vorherigem Geheimtipp Edna bricht aus komponiert hat, hat sich bei Deponia erst recht nicht lumpen lassen und eine wirklich stimmige Musikkulisse geschaffen. Während wir uns durch die heruntergekommene Schrottsiedlung, die Rufus Heimat nennt bewegen, begleiten uns an Techno anmutende Klänge, die offensichtlich auf Mülltonnendeckeln und alten Töpfen eingespielt wurden, in dramatischen Momenten erinnert die Untermalung an Militärmärsche, und wer das wohl berühmteste Musikstück aus der Deponia-Serie, die Organon-Hymne, hört ohne Gänsehaut zu bekommen, nachdem er die entsprechende Szene gespielt hat, dem unterschreibe ich ein Attest auf emotionale Abstumpfung. Der Soundtrack von Deponia: The Complete Journey lässt sich auch komplett ohne Spiel genießen, ohne auf die Nerven zu gehen, und das ist mit eine der größten Auszeichnungen, die man einem Spielesoundtrack machen kann.
Etwas anders sieht es da allerdings mit den Gesangseinlagen aus…Poki selbst, der durchaus über ein gewisses Gesangstalent verfügt, hat es sich als aufmerksamkeitssüchtiger Egomane – und ich darf das hier schreiben, denn so bezeichnet er sich auch selbst in den Entwicklerkommentaren – nicht nehmen lassen, sich selbst als eine Art Kapitelteiler einzubauen. Über ein dutzend Mal hört man ihn mit dem ebenfalls recht bekannten Hussa!-Song an einschneidenden Stellen in der Handlung, jeweils mit einem leicht veränderten Text, je nach Situation. Das ist das erste Mal noch ziemlich cool, die nächsten beiden Male noch ganz amüsant und ab da zehrt es gehörig an den Nerven, da die Reime – zugegeben, wahrscheinlich beabsichtigt – enorm erzwungen und unpassend sind und man sich ständig fragt, warum hier jetzt Musik rein musste. Außerdem erreicht der Humor in diesen Gesangspassagen seinen Tiefpunkt, denn während der übergreifende Humor von Deponia sich durchaus als schwarz und böse bezeichnen darf, aber auch einige Momente beinhaltet, die wirklich zum lauten loslachen verführen, fühlt man sich hier in den Kindergarten zurück versetzt. Leo Schmidt hat das einmal bei GIGA als „Humor, der nach Sauerkraut riecht“, bezeichnet, und ihm da zuzustimmen trifft den Nagel ganz gut auf den Kopf. Es fühlt sich danach an, als hätte ein Deutscher darüber nachgedacht, über was der typische Deutsche gerne lachen möchte, und ist dadurch ziemlich oberflächlich. Da sich diese Sequenzen aber alle überspringen lassen und man dadurch auch nichts in der Geschichte verpasst, ist das halb so schlimm.

Einmal ist es ja ganz witzig, zwölfmal hätte dann aber nicht sein gemusst.
Einmal ist es ja ganz witzig, zwölfmal hätte dann aber nicht sein gemusst.

Schlimmer wird es, wenn sich Poki als Gesangseinlage in die Rätsel einbaut, was ziemlich genau in der Mitte der Trilogie einmal geschieht. Dort geht es darum, einen bestimmten Charakter ein bestimmtes Lied singen zu lassen, was mitunter einige Zeit dauern kann, bis man weiß, welches Lied man braucht. Jedes Mal, wenn man ihn also das falsche Stück singen lässt, bekommt man eine etwa dreißig Sekunden dauernde, nicht abbrechbare Animation, während der man sich einen der total sinnfreien Songs anhören muss. Hat man dann den richtigen gefunden, bekommt man das entsprechende Stück sogar in einer dreiminütigen Version vorgesungen – ohne die Möglichkeit es zu überspringen, wenn man nicht die gesamte Szene und damit die Lösung des Rätsels überspringen will. Da fühle ich mich als Spieler einfach schlicht und einfach zu Selbstdarstellungszwecken missbraucht und etwas beleidigt.

In der Gesamtheit der Rätsel jedoch muss man Daedalic ordentlich loben. Deponia: The Complete Journey hat natürlich auch die üblichen „Kombiniere Item A mit Item B und setze es in C ein“ – tatsächlich gibt es aber gerade gegen diese Mechanik auch ein paar Seitenhiebe – mehr als einmal muss man allerdings auch ordentlich „out of the box“ denken, wie es Poki selbst bezeichnet. Das mag den stören, der versucht, Deponia wirklich aus der Sicht des Protagonisten zu spielen, denn teilweise wäre es in einer konsistenten Welt für Rufus einfach nicht möglich, die Lösung zu finden. Auf der anderen Seite bringt das aber die Hirnzellen ordentlich ins Schwitzen, ohne komplett unfair oder unmöglich zu sein, denn man bekommt immer den ein oder anderen Hinweis. Das bringt Farbe ins graue Item-Kombinations-Genre, zu dem manch ein Adventure schon verkommen ist. Dazu gibt es auch einen ganzen Haufen Minigames (Wer mit aktivierten Entwicklerkommentaren spielt, bekommt höchstwahrscheinlich bei dem Satz „Ich mag Minigames“ irgendwann Ausschlag, danke Poki), die mal mehr und mal weniger viel Spaß machen, aber trotzdem wenigstens immer in die Situation passen, und die sich auch alle überspringen lassen.

Die Technik ist Schrott

Na gut, die Überschrift ist ein bisschen sehr reißerisch und eigentlich nur da, weil man mit Deponias Thema so viele schöne Wortwitze produzieren kann. Ganz so schlimm ist es nicht. Aber: Die Technik ist wirklich der Punkt, wo der Spielspaß am allermeisten abbröckelt. An der Optimierung der Performance scheint erheblich gespart worden zu sein. Überspringe ich beispielsweise die Sprachausgabe eines Dialoges, weil ich schneller lese als die Figuren sprechen, dann kommt es beinahe bei jedem Klick zu einem einsekündigen Lag, sodass ich oft schneller bin, wenn ich die Figuren einfach ausreden lasse. Besonders schlimm wird das, wenn er Dialog etwa durch Triggern eines bestimmten Satzes oder Lösung eines Rätsels dazu führt, dass eine vorher unbewegliche Person eine Animation ausführt, die das Spiel vorher noch nicht berechnen musste: Dann friert der Bildschirm zuverlässig für etwa fünf Sekunden ein, anschließend startet die entsprechende Animation dann irgendwo in der Mitte, wodurch ich daran auch nicht mehr wirklich Freude haben kann. Diese Probleme treten bei mir auf zwei verschiedenen, mehr als ausreichend starken Rechnern auf, es kann also erst einmal nicht an der Leistung liegen.

Auch beim Entwicklerkommentar hat jemand scheinbar nicht so gut aufgepasst. Der wird repräsentiert durch das große, animierte Ebenbild Pokis oben rechts oder links in der Ecke. Dadurch verdeckt er oft einen Teil des Panoramas, was einfach schade ist, besonders für Screenshots. Was aber schlimmer ist: Auch während den Minispielen verschwindet der Button nicht, und das führt mehrfach zu tatsächlichen Behinderungen. Das letzte Minigame in Deponia: The Complete Journey wird tatsächlich fast zur pixelgenauen Suche nach der Nadel im Heuhaufen, weil Pokis Antlitz einen ordentlichen Teil der Spielfläche verdeckt. Glücklicherweise lässt sich der Entwicklerkommentar natürlich auch komplett ausschalten, was mir aber dann wieder lästige weil durchaus nicht kurze Wartezeiten beschert, wenn ich gerne mit Kommentar spielen möchte. Ach, es sei übrigens jedem, der das Spiel zum ersten Mal spielt, von selbigem abgeraten: Die Entwickler spoilern hier wie verrückt! Das sollte natürlich klar sein, wenn man die bewusste Entscheidung getroffen hat, auf dieses Gesicht da oben zu klicken, aber ich wollte es der Vollständigkeit halber geschrieben haben. Erstlings-Deponianer also: Brav ausgeschaltet lassen.

Der Entwicklerkommentar in Deponia: The Complete Journey ist eine nette Dreingabe, sollte beim ersten Spielen aber aus bleiben.
Der Entwicklerkommentar in Deponia: The Complete Journey ist eine nette Dreingabe, sollte beim ersten Spielen aber aus bleiben.

Und dann gibt es da noch die Bugs…die besonders in den Minispielen nicht so selten sind wie man es sich wünschen würde. Zweimal beim Durchspielen der Reihe habe ich einen so schwerwiegenden Fehler mitbekommen, dass ich das Rätsel nicht beenden konnte und vom letzten Speicherstand aus neu spielen musste. Die traurige Wahrheit daran ist, dass diese Bugs beinahe alle schon aus den einzelnen Spielen bekannt sind, wie ein Besuch im Daedalic-Forum bezeugt. Da hat sich das Hamburger Studio nicht einmal mehr die Mühe gemacht zu patchen, und dafür gibt es in einer Collection eigentlich keine Entschuldigung.

Fazit: Für wen also geeignet?

Kurz und schmerzlos: Wenn ihr noch nie ein Spiel der Deponia-Reihe gespielt habt, aber interessiert seid am Konzept oder daran was das bekannteste deutsche Adventure-Studio so bekannt gemacht hat, kauft euch Deponia: The Complete Journey, ein besseres Preis-Leistungs-Verhältnis findet ihr nicht. Zusätzlich zu den Entwicklerkommentaren vereint die Sammlung alle drei Spiele in einem Fluss, in dem sich über eine Kapitelauswahl bequem navigieren lässt. Es gibt neue Achievements, neue geheime Sammelobjekte und Steam Trading Cards. Für 40€ regulären Preises bekommt ihr hier etwa 20 Stunden Spielzeit, die sich auch durchweg lohnen.
Und allen, die die Deponia-Reihe bereits besitzen oder die darauf aus sind, sich die Teile in einem Sale billig zusammen zu klauben und dann auf die Trilogie aufzustocken, sei gesagt: Daedalic hat an euch gedacht, und das ist eine tolle Sache. Für jedes Deponia-Spiel in eurer Steambibliothek gibt es 30% Rabatt auf die Steamversion von Deponia: The Complete Journey, sodass Spieler, die alle drei Teile bereits besitzen, nur 3,99€ für die zusätzlichen Features zahlen müssen. Das ist ein schönes Geschenk an treue Fans und verdient absolutes Lob.

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