Es ist alles so schön!

Reichlich erstaunt und leicht dümmlich glotzend stehe ich vor einem Feld voller Blumenkohl, aus dem einer wie eine Villa unter Hütten heraussticht. Doppelt mannshoch und genauso breit ist das Monster am Erntetag. Während ich die restlichen Köpfe per Hand pflücke und in die Kiste lege, von wo sie am Abend abgeholt werden, zücke ich für den Riesen die Axt. Einige beherzte Schläge, und er zerbricht in zwanzig handliche Brocken, die ich mühsam in Tröge packe, um sie sauer einzulegen. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich spät dran bin; den Koloss habe ich zeitlich nicht mit eingeplant. Ich muss heute immerhin noch die Kühe füttern und melken, die Kirschbäume schütteln und meiner Angebeteten einen Heiratsantrag machen.

Noch nie hat mich so ein Hype um ein Indiespiel gepackt wie bei Stardew Valley. Darauf warte ich schon seit fast drei Jahren, lange bevor Entwickler Eric Barone alias ConcernedApe sich mit Starbound-Macher Chucklefish zusammengetan hat. Denn ich bin seit frühester Kindheit großer Anhänger einer besonders nischigen japanischen Spielereihe, die bis vor wenigen Monaten auf den Namen Harvest Moon gehört hat und nun unter dem Titel Story of Seasons weitergeführt wird… Ich kümmere mich gern um verwahrloste Bauernhöfe, bringe sie auf Vordermann, genieße den repetitiven Alltag und freunde mich mit den Dorfbewohnern an. Angefangen hat das mit Harvest Moon: Friends of Mineral Town, dem Remake des PSX-Spiels Harvest Moon: Back To Nature auf dem GameBoy Advance, und seitdem habe ich kein Harvest Moon gespielt, dass dem qualitativ auch nur nahe kommt. Nachdem ich mich von den Sunshine Islands durch die Geschichten zweier Städte gelangweilt und schließlich A New Beginning versucht habe – von den heruntergedummten Rune Factory-Teilen, deren Farm-Anteil nur noch alibimäßig besteht, ganz zu schweigen – bin ich auf ConcernedApe gestoßen. Und der hat versprochen, dass er ein Spiel auf den PC bringen möchte, dass sich am besten Harvest Moon aller Zeiten orientiert, nämlich an Friends of Mineral Town. Auf den PC, der zuvor noch überhaupt keinen Lebenssimulator im Stil von Harvest Moon hatte – nein, Der Landwirtschaftssimulator zählt nicht. Dass das ein voller Erfolg war, zeigen ja die Hundertscharen an Berichterstattungen und Loblieder über Stardew Valley. Und das kleine Kind in mir, das ebenfalls ganz laut jubelt. In Stardew Valley fühlt es sich daheim.

Und es hat so viel, in dem es spielen kann! Alles, was es irgendwann einmal in ein Harvest Moon geschafft hat, ist in Stardew Valley vereint. Freies Bebauen der Farmfläche genauso wie Erzgraben in gefährlichen Dungeons. Skillbasiertes Levelsystem mit freischaltbaren Perks sowie dauerhafte, große Veränderungen am umliegenden Dorf durch meine Leistung für die Gemeinschaft. Heiratbare Weiblein und Männlein samt Kinderwurf. Sogar ein Bösewicht in Form einer Supermarktkette, dem ich mich auch noch anschließen kann, wenn ich möchte. Ich kann Angeln und nach Artefakten graben (Dem Angeln habe ich auch einen eigenen Artikel gewidmet – so ein fantastisches Angel-Minispiel haben nicht einmal die meisten Angelsimulatoren). Wenn ich möchte, kann ich all das nach Lust und Laune machen, die Beute einlagern oder sie verkaufen, und einfach in den Tag hinein leben. Oder ich beginne nach der anfänglichen Orientierungslosigkeit, meine Farm auf Effizienz auszulegen. Gerade das scheint viele Leute besonders zu reizen, die vermutlich auch Factorio und Cities: Skylines sehr gerne und ausführlich spielen. Ein guter Freund, der genau in dieses Schema passt, geht sogar so weit und legt sich Excel-Tabellen mit Erntezyklen und Maximalgewinnen an. Das ist mir zu heftig, aber ich konsultiere ihn immer wieder gerne, wenn ich meine Einnahmen maximieren möchte. Denn ein leichter Effizienzwahn hat mich dann doch gepackt – ich optimiere mein Feld mit Sprinkleranlagen und Umzäunungen, versuche die Brauzeiten meiner Weinfässer mit den Erntezyklen meiner Weinreben abzugleichen und durch Käsereien und Spinnräder meine Tierprodukte zu raffinieren. Am liebsten arbeite ich aber Listen ab. Ich kann nämlich immer schön einsehen, was mir noch fehlt, was ich noch nie versandt, geerntet, geangelt oder ausgegraben habe, und das packt mich an der Ehre (und am glitzernden Achievement-Schlafittchen). Wenn man wie ich zielorientiert spielt, hat man eigentlich auch gar nicht so viele andere Möglichkeiten – nach ungefähr zwei Ingame-Jahren hat man dann nämlich doch alles schon einmal gesehen und sich mit den Dorfbewohnern angefreundet. Aber das allein waren achtzig wohlige Stunden Kindheits-Nacherleben, und Spaß habe ich ja immer noch. Außerdem hat Barone bereits versprochen, sowohl Multiplayer als auch Endgame-Content nachzuliefern, zu Teilen sogar kostenlos. Angesichts dessen, dass er es beinahe alleine geschafft hat, solch ein großes, hübsches, mit Liebe vollgepacktes Spielchen zu entwickeln, habe ich auch keinen Grund, ihm das nicht zu glauben. Für kein anderes Spiel würde ich aber so gerne in einen Season Pass investieren wie für Stardew Valley.

4 Gedanken zu “Es ist alles so schön!

  1. Das Spiel sieht toll aus. Eventuell schenke ich es demnächst meiner Frau. Das geistige Vorbild – also Harvest Moon – konnte mich aber nie wirklich lange fesseln. Und das obwohl ich solche Spiele eigentlich mag. Evetuell liegts am Setting. Bauernhof war nie so mein Ding. Eine Kolonie auf dem Mars wäre da schon besser :D

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  2. Juhu, ich wurde erwähnt :D
    Stardew Valley ist nach Anno 1404 und zwei Browsergames immerhin „erst“ das vierte Spiel, bei dem ich Excel zu Hilfe nehme, um bestmöglich zu „arbeiten“ :)

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