Runter von der Bühne – Der Deutsche Computerspielpreis

Angekündigt von Manfred Lehmann, der deutschen Stimme von Bruce Willis, besteigt Fabian Döhla samt der CD Projekt Red PR-Crew zum dritten Mal die Bühne. The Witcher 3: Wild Hunt ist der Sieger des Abends, mit drei zwar undotierten, aber doch aussagestarken Preisen. Beste internationale neue Spielwelt, bestes internationales Spiel und den Publikumspreis nimmt der Hexer mit. Auch wenn mir nicht so recht begreiflich ist, wie ein Spiel mit 3 im Namen einen Preis für seine „neue“ Spielwelt abgreifen kann, klatsche ich eifrig mit. Mir war der dritte Witcher zwar zu viel, super ist das Spiel trotzdem.
Neben und hinter mir hingegen leise entnervtes Raunen – auch nicht geschmälert durch Fabians leichtherzige Danksagung an seine dreihundert Brüder und deren Geschwister. The Witcher hat den Abend dominiert, sowohl auf als auch hinter der Bühne. Klonk Games und ihr Shift Happens, die mit zwei Preisen in Form von bestem Kinderspiel und bestem Gamedesign die deutschen Abräumer des Abends waren, durften sich zwar tosenden Applaus aus der anwesenden Indieszene abholen – danach war’s aber wieder recht still. Genauso ging es der Indie Arena Booth, die als Sonderpreis der Jury für ihre Mühen, Indies auf die Gamescom zu bringen ausgezeichnet wurde (An dieser Stelle noch mal riesigen Glückwunsch an Silja Rheingans, Oliver Eberlei, Jana Reinhardt und all die anderen, die ich nicht namentlich kenne!). Da wusste die Hälfte des Saals schon gar nicht, ob Klatschen denn jetzt angebracht wäre.
Dennoch war es ein beinahe geschichtsträchtiger Abend für die deutsche Spieleförderung. Mit The Witcher 3 gewinnt vermutlich das erste Mal ein Spiel, in dem es auch ordentlich auf die Mütze gibt, ohne nachfolgende Gewaltkontroverse – anders als damals zu Zeiten von Crysis 2. Der Preis für das beste Kinderspiel ging gleich an zwei Spiele: Neben Shift Happens auch noch an das Mobile Game Fiete Choice von Ahoiii Entertainment aus Köln. Beim besten internationalen Multiplayerspiel setzte sich Splatoon gegen Star Wars: Battlefront durch; da bewies die Jury gesunden Menschenverstand. Beim Nachwuchspreis gab es nur Gewinner, denn selbst der dritte Platz nahm 10.000 Euro mit nach Hause. Das waren in diesem Fall die beiden Kölner Studenten hinter Leaves, während Platz zwei von Lost Ember eingenommen wurde. Den ersten Platz sicherte sich Cubiverse von der Media Design Hochschule München – neben Klonk damit der zweite Preisträger aus der diesjährigen DCP-Stadt. Und als bestes deutsches Spiel nahm Blue Byte für Anno 2205 100.000 Euro mit nach Mainz – die richtige Entscheidung, dagegen kommen Deponia Doomsday und Shift Happens bei aller Qualität nicht an. Schade nur, dass das Preisgeld so in den französischen Publisher Ubisoft fließt, statt in Hamburg oder München investiert zu werden.

In etwa ähnlich geschichtsträchtig war die Moderation – allerdings nicht unbedingt auf die gleiche positive Art. Moderatorin Annett Möller aus Nachrichtensendungen auf RTL und n-tv, zeigte sich wenig flexibel, was Änderungen ihrer festen Bahnen anging. Als zum Halbzeitauftritt MIAs sämtliche Cosplayer des Abends – ungefähr ein Dutzend großartig kostümierte Künstler – die Bühne betraten, bekamen einige davon schon nach wenigen Minuten von ihr den Befehl, wieder hinter die Bühne zu verschwinden – was zu reichlich Verwirrung führte, denn die Cosplayer waren über den Auftritt informiert, Frau Möller jedoch nicht. Letztendlich blieben die Künstler auf der Bühne, und selbst Sängerin MIA ließ sich eine kleine Spitze gegenüber der „großen blonden Frau“ nicht nehmen, als sie hinterher lässig einen Cosplayer interviewte.
Am anderen Ende der Moderation fand sich Dorothee Bär, Staatssekretärin in Alexander Dobrindts Bundesministerium, ein. Die hatte es sich nämlich scheinbar zur Aufgabe gemacht – sehr zur Freude des Publikums – nicht nur die Bullshit-Bingo-Klischees über den Deutschen Computerspielpreis durch den Kakao zu ziehen, sondern auch die Regie ein bisschen aus der Bahn zu werfen. Nachdem sie zuerst darauf bestand, ein Video einspielen zu lassen, dass nicht existierte, riss sie kurzerhand die beiden Nominierungen, die sie hintereinander hätte ankündigen sollen, auseinander und diskutierte sogar kurz mit einer merklich genervten Regiestimme. Dass sie ihren Willen schließlich bekam, weil derjenige auf der Bühne in diesem Moment die Macht hat, wurde mit Jubel begrüßt. Selbst Alexander Dobrindt und Ilse Aigner, deren Reden zwar die übliche Floskelstruktur des erfüllten, gaben sich sichtlich Mühe, ihre eigenen Worte ernst zu nehmen und wurden mit entsprechend wenig Spott geehrt – auch wenn Frau Aigner einmal selbst etwas verdutzt aufschaute, als ihre Rede Videospiele als „Leitmedium“ titulierte.
Das schnuckeligste am DCP, zumindest wenn man als Reporter dort unterwegs ist, ist allerdings definitiv seine Überschaubarkeit. Dass sich alle irgendwoher kennen und einander behandeln und verschaukeln wie eine riesige Familie mag das ganz normale Verhalten in der deutschen Spieleindustrie sein, aber auf so engem Raum fällt es noch mal deutlich mehr ins Gewicht. Egal ob engagierter Cosplayer, Bethesda-PR oder IGN-Chef – am Ende hat man gefühlt mit jedem ein Bier getrunken. Ich frage mich allerdings immer noch, ob sich auch jemand getraut hat, mit Alexander Dobrindt in die Fotobox zu steigen.

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