Torchwood (Staffel 1, 2, Children of Earth)

Es musste ja früher oder später so weit kommen. Erstens, dass ich mich an einen Text über ein im Medium Film angesiedeltes Produkt traue. Zweitens, dass er sich mit meiner Darling-Serie Doctor Who oder in diesem Fall dessen blutiger Schwester Torchwood befasst.

Eigentlich verlaufen Torchwood und Doctor Who einander kaum berührend nebeneinander her. In ein, zwei Folgen verirrt sich Martha Jones, ehemalige Begleiterin des Doktors und später Medical Officer der Erdenarmee UNIT in Torchwoods Cardiff. Zwei, drei Mal spielt Jack Harkness eine Rolle in Doctor Who, und nachdem er Torchwood übernommen hat, bekommt Ianto Jones einen Cameo-Auftritt in einem Dalek-Kampf auf Leben und Tod. Dabei ist natürlich außen vor, dass Torchwood seinen Ursprung komplett in der Neuauflage der Mutterserie hat, die seit 2009 produziert wird. Das ursprüngliche Torchwood gründet Königin Victoria 1879 nach Christus in Schottland, um ihr Königreich vor dem Doktor zu schützen, der zu diesem Zeitpunkt eine eher unglückliche Begegnung mit ihr und einem Werwolf macht. Das erzürnt Her Royal Highness verständlicherweise – vermutlich in Zusammenhang mit dem Umstand, dass besagter Doktor mit mindestens einer ihrer Vorfahren verheiratet war und die königliche Familie tendenziell als sehr informiert dargestellt wird, was die Zeitreisen des Timelords angehen. Jener Groll zieht sich bis in die Hauptzweigstelle Torchwoods im 21. Jahrhundert, Torchwood Two, angesiedelt in Canary Wharf, London. Aus dieser, später vom Doktor und einer Armee von Daleks zerschlagenen Organisation rekrutiert sich Ianto Jones und ein Großteil der Ausrüstung von Torchwood Three, der Zweigstelle in Cardiff. Diese sollte ursprünglich lediglich den Riss in der Zeit überwachen, auf dem Cardiff erbaut wurde und der ebenfalls in Doctor Who etabliert wurde, denn nur dort vermag die TARDIS auf der Erde Energie zu tanken. Nach Torchwood Twos zweifelhafter Geschichte samt Auflösung übernimmt schließlich Jacks drittes TW-Abteil die Rüstung des Vereinten Königreichs gegen außerirdische Gefahren. Aber diese Verbindungen werden nie wirklich explizit besprochen. Das ergibt schon deswegen Sinn, weil Jack nicht gut auf Canary Wharf zu sprechen ist und seine persönlichen Ziele, den Doktor wiederzufinden, dem ursprünglichen Zweck Torchwoods sehr entgegenlaufen. Verbindungen lassen sich meist aus abfälligen Kommentaren und dem ein oder anderen anerkennenden Nicken Richtung Mutterserie in Form von UNIT, Schallschraubenzieher oder dem Handbrems-Geräusch der TARDIS ausmachen.
Und dennoch profitieren die beiden Serien wunderbar voneinander. Wollte man den Doctor Who-Kosmos chronologisch durchschreiten (welch ironisches Vorhaben in Anbetracht der Natur der Serie) müsste man Doctor Who und Torchwood parallel schauen, eine Folge Torchwood alle paar Folgen Doctor. Gerade Torchwood funktioniert aber so viel besser als eigenständige Serie vor dem Hintergrund einer größeren Kulisse. Dort wird man nicht mit den Galaxierettungs-Eskapaden belästigt, die das Gewicht aus jeder Folge Doctor Who nehmen, weil die Welt alle paar Minuten vor dem Untergang steht. Torchwood konfrontiert den Zuschauer – und die Torchwood-Mitarbeiter – mit Einzelschicksalen, die sich im schlimmsten Fall zu einer Gefahr für Cardiff, aber nicht für die Welt ausweiten. Umso berührender und schlagkräftiger, weil die Einzelschicksale oft Torchwood selbst betreffen. Wenige Dinge schafft die Serie so gut wie die Charakterisierung seiner fünf Hauptcharaktere. Was anfangs wie reiner Fanservice für Doctor Who-Schönling Captain Jack Harkness alias John Barrowman wirkt, entwickelt sich zu einer Tragödie in zwei Staffeln, die pflichtbewusste Pappaufsteller zu nachvollziehbaren Charakteren mit schmerzhaften Hintergrundgeschichten und einer absurd genialen Portion Galgenhumor macht. Torchwood Three weiß von Anfang an, dass jeder von ihnen tief in der Scheiße sitzt und seine Rente vermutlich nicht erreichen wird – und gerade ab in der zweiten Staffel kommt das so richtig zum Tragen.
Den unüberwindbaren Höhepunkt dieser Stärke erreicht die Serie in der dritten Staffel, Children of Earth, die sich zum ersten Mal traut, keine zerstückelte Serie mit abgeschlossenen Episoden zu sein, sondern eine zusammenhängende lange Geschichte zu erzählen. Unüberwindbar, weil – Achtung, Spoiler – am Ende dieser dritten Staffel schlichtweg kaum einer überlebt, der noch auf den geknüpften Banden der vorherigen Staffeln aufbauen kann. Aber auch, weil innerhalb von Children of Earth eine außenstehende Person neu eingeführt, aufgebaut und dann auch wieder aus der Serie genommen wird, auf eine Art, die nicht nur auf den Gemütszustand des Zuschauers, sondern auf das ganze Doctor Who-Universum Auswirkungen hat. Die Rede ist von John Frobisher, Staatssekretär im Britischen Ministerium für innere Angelegenheiten, Ansprechpartner Torchwoods in der Regierung – und gespielt von Peter Capaldi. Dem Peter Capaldi, der seit zwei Staffeln und mindestens noch für die nächste das Gesicht des Doktors ist. Und wer Doctor Who länger verfolgt (und vor allem die Folge Day of the Doctor kennt) weiß, dass alle Gesichter, die er annimmt, ‚geliehen‘ sind; Die Gesichter von Menschen, die ihn auf irgendeine Weise tief beeindruckt haben, an die er sich jedoch nicht immer zwingend erinnert. Frobisher hat das Zeug dazu, einen solchen Eindruck zu erwecken. Aber wie bekommt der Doktor das mit, wenn er doch gar nicht da ist? Wenn Torchwood die Gefahr alleine bezwingen muss, die in Children of Earth die namensgebenden Kinder bedroht? Nun, vielleicht leitet Gwen Cooper die dritte Staffel nicht ohne Grund mit folgendem Satz ein:

Sometimes the Doctor must look at this planet and turn away in shame.

Ein cleverer Schachzug, um die schon in sich geschlossene fantastische Staffel in den großen Kontext des Doctor-Kanons einzubringen, ohne die großen (und teuren) Schauspieler aufzufahren. Ich bin nun definitiv gespannt auf die letzte Staffel, Miracle Day, die gemeinhin als die schlechteste gilt. Mal sehen, ob die Realität meinem Fangebahren Abbruch tun kann.

Torchwood

3 Gedanken zu “Torchwood (Staffel 1, 2, Children of Earth)

    • Die erste Staffel war für mich echt durchbeißen. Bin kein großer Freund von einzelnen Folgen ohne übergreifenden Zusammenhang (meine größte Kritik auch an Doctor Who). Aber die zweite Staffel legt dann dermaßen zu, dass ich der ersten für ihre Leichtherzigkeit eigentlich keinen Vorwurf machen kann.

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