Jener Drache, Trauer

Einen Gottesdienst zu besuchen, kann etwas sehr heilsames für einen Atheisten sein. Es holt einen raus aus der Denkart, die man sich in der eigenen Filterblase des Internets als Nichtglaubender so selbstverständlich aneignet: Dass diejenigen, die ernsthaft gläubig in die Kirche gehen, bedauernswerte Schafe sind oder verblendete Realitätsferne. Hin und wieder muss man sich auf irgendeine Art vor Augen halten, dass es dort eben auch Leute gibt, die nichts anderes mehr haben. Oder diejenigen, da schlicht und einfach ihren Frieden finden oder aus Familientradition den Gottesdienst besuchen, und draußen auf der Straße dann trotzdem sinnvolle Entscheidungen treffen; ich würde es ohne es böse zu meinen wohl ein Hobby nennen. Und natürlich diejenigen, die zum Abschied nehmen kommen, vielleicht aus Überzeugung, vielleicht auch einfach, weil es wenige Organisationen über die Jahrhunderte so gut perfektioniert haben wie die Kirche, trauernde zu begleiten. Und wenn es nur durch Gewissheit in Form von Wort und Gesang ist, dass da hinter einem Leute stehen, die mit einem trauern.

In diesem Fall waren meine Familie und ich Teil der letzten Gruppe, um den Tod meiner Oma zu verarbeiten. Einige von uns sind wirklich gläubig, die meisten allerdings haben die Messe aus Respekt vor ihr und nicht vor Gott besucht. Mir hat die Messe mit dieser Einstellung gut gefallen und geholfen. Was die Messnerin und der Pfarrer da vorgelesen haben mögen zwar generische Worthülsen sein, die jeder Tote gewidmet bekommt, und die ohne den Glauben daran, dass eine höhere Macht sie verfasst hat, eher zum Kopfschütteln als zum Kopfsenken sind, aber was zählt ist, dass sie einer Verstorbenen gewidmet waren, die wir geliebt haben. Allein dadurch ist man weniger allein.

Wem der Gottesdienst aber wirklich geholfen hat, das war mein Opa. Der hat nämlich große Probleme damit, seine Gefühle auszudrücken. Immer schon gehabt, dank schwerer Kindheit, auch wegen des Krieges. Zuhause lässt er sich nichts anmerken, außer in unbeobachtet geglaubten Momenten, wenn ihm die Miene entgleist. Aber da in der Kirche, als er gestützt von meiner Mutter eine Kerze für seine Frau angezündet hat, da konnte er sich gehen lassen. Und wenn du den wortkargen Mann, der Zeit deines Lebens nur redet, wenn er etwas gefragt wird, so laut und ausdauernd er kann mitsingen und -beten hörst, dann weinst du selbst auch nicht nur aus Trauer.

Ich habe also im Anschluss beschlossen, mir That Dragon, Cancer zuzulegen (um den Bogen zum Videospiel einmal zu schlagen). Natürlich ist es etwas anderes, ob eine über achtzigjährige Frau friedlich einschläft oder ob ein Kind den Kampf gegen Krebs verliert, aber Trauer ist Trauer, die braucht man nicht in Stufen einzuordnen. Ich weiß von That Dragon, Cancer nur, dass sich die Eltern aus Hoffnung oder Verzweiflung in den Glauben flüchten. Mit einer der Gründe, warum ich das Spiel vorher gemieden habe. Ich möchte bei einem solchen Thema nicht am Ende das Fazit ziehen müssen, dass ich die Eltern für mich persönlich für ihre Art der Verarbeitung kritisiere. Dafür geht mir das Thema zu nahe. Jetzt aber denke ich, dass ich besser verstehen kann, was Menschen in dieser Situation leitet. Ich habe die Kirche zwar weiterhin ohne einen Gedanken an Gott verlassen, aber dafür mit sehr vielen schönen an einen geliebten Menschen.

Das ist jetzt beinahe zwei Monate her. Noch am selben Abend habe ich mir That Dragon, Cancer gekauft, aber so lange hat es gedauert, bis ich es gespielt habe. Lange Zeit wollte ich einfach gar nicht mehr, oder hatte Sorge, dass das Spiel alte Wunden aufreißen würde. Gestern überkam es mich dann aber endlich, ich habe mir eine Packung Taschentücher bereitgelegt – persönliche Schicksale kriegen mich eigentlich immer zum Heulen – und das Spiel gestartet. Die Taschentücher habe ich dann doch nicht gebraucht, berührt war ich aber dennoch. Und das aus zwei Gründen: Einerseits natürlich, weil hier die Geschichte eines Kindes nacherzählt wird, dessen Leben endete, bevor es richtig begann, und das in dieser kurzen Zeit schreckliche Schmerzen gelitten haben muss. That Dragon, Cancer macht leider keinen guten Job in der Darstellung der Gefühle, die es vermitteln will; oft steht der künstlerische Anspruch der Empathie in seiner spielerischen Klobigkeit im Weg. Doch eine Handvoll Passagen treffen genau ins Schwarze. Mich haben vor allem zwei Momente mitgenommen: Die Gute Nacht-Geschichte über den kleinen Ritter Joel, der gegen den Drachen Krebs kämpft, weil die Eltern Amy und Ryan darin seinen Geschwistern erklären müssen, was mit all den anderen Rittern passiert ist, die bisher gegen den Drachen gekämpft haben. Und der Kontrast, die riesige Schere, die sich zwischen Amy und Ryan auftut. Während sie sich in Hoffnung vergräbt, als rational alle schon verloren scheint, ertrinkt er beinahe am Gefühl, die Hoffnung aufgegeben zu haben – und an den Schuldgefühlen, weil er doch Hoffnung haben sollte.

Zweitens, und das hat deutlich mehr Bezug auf meine eigene Geschichte, aus der dieser Text erwachsen ist: Wie beide Erwachsenen aus ihrem jeweiligen eigenen Antrieb heraus in die Kirche und ins Gebet getrieben werden. In den letzten Tagen betet Ryan vor allem für die Erleichterung der Schmerzen ihres Sohnes und für kleinere, alltägliche Erfolge – „God, make him sleep.“ Amy hingegen hofft mit ganzer Kraft auf ein Wunder. Ob die beiden diese Disparität zu zerreißen drohte, weiß ich nicht. Einen Streit dokumentiert That Dragon, Cancer, doch am Ende ist zumindest klar, dass jeder den anderen verstehen kann und ihn zumindest nicht verurteilt.

Ich hatte Angst, That Dragon, Cancer zu spielen, weil ich dachte, ich müsse die Eltern verurteilen, wichtige Entscheidungen aus dem Glauben heraus zu Ungunsten ihres Sohnes zu treffen. Das war nicht der Fall. Der Glaube spielte in die Geschichte ab dem Punkt, wo die Medizin alle Hoffnung aufgab. Niemand kann jemand anderen dafür verurteilen, dass er auf ein rettendes Wunder hofft, egal wie rational er sonst auch denken mag. Niemand darf. Ich habe mich genauso dabei erwischt, in der Nacht, von der wir als Familie alle wussten, es werde die letzte sein, auf ein Wunder zu hoffen. Und man könnte sagen, bei einer hochdementen, schwerkranken alten Dame stehen die Chancen darauf noch ein ganzes Stück niedriger.

Ryan und Amy retten sich mit dem Glauben. Sie versuchen nicht, dadurch ihren Sohn zu retten – natürlich würden sie, wenn sie könnten, aber gerade Ryan scheint sich dessen nur allzu bewusst. Und bei dem Vorhaben, die eigene geistige Gesundheit und den Lebenswillen nicht zu verlieren, gilt nur ein Grundsatz: Whatever works. Ich ergehe mich gern in – für andere sinnlose – Rhetorik, in Konjunktive: „Sie hätte das gern gehabt.“ oder „Sie hätte das auch so gemacht.“ Joels Eltern retten sich in die Vorstellung, dass ihr Sohn das Leben, dass er nie haben durfte, nun an einem besseren Ort führen kann.

Den Aufschrei über den Glauben in That Dragon, Cancer glaubte ich als säkularer Mensch eine ganze Weile zumindest teilweise nachvollziehen zu können. Nun stehe ich vollends korrigiert dar: Lasst jedem Menschen seine Heilung. Sie tut niemandem weh und ihnen selbst gut. Ich würde ja sagen, wenn es euch nicht gefällt, spielt es nicht, aber das darf auf dieses Spiel eigentlich nicht zutreffen. Spielt es, und wenn es euch nicht gefällt, fasst das in Worte. Wenn ihr vorher schon wisst, dass es euch nicht gefällt, spielt es dennoch. Oder seht es euch zumindest an. Das schuldet ihr nicht Joel, Amy und Ryan, die haben von euren Gedanken nichts – das schuldet ihr euch selbst. Ihr kommt auch mal in eine Situation, die mindestens einen Hauch Ähnlichkeit mit dieser vorweisen wird.

Auf dem Grabkranz von meiner Cousine und mir stand „Schlaf gut, liebe Oma.“

Schlaf gut, Joel. Und schlaf lang, Intoleranz.

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Nach reichlicher Überlegung habe ich mich dazu entschlossen, diesen Artikel nur hier auf indieflock und nicht auf Polyneux zu veröffentlichen. Die Nachricht, von der ich hoffe dass sie durchdringt, ist mir eigentlich zu wichtig, um auf die Reichweite, die Polyneux bietet, zu verzichten. Dennoch ist mir das Thema persönlich zu nah, um die Kontrolle über diesen Text aus der Hand zu geben. Wenn ihr euch in irgendeiner Weise mit meiner Aussage identifizieren könnt, würde ich mich freuen, wenn ihr das hier weiterverbreitet – vielleicht bringt es doch noch den ein oder anderen Ablehnenden dazu, die bittere Pille zu schlucken und einen tieferen Blick auf das Spiel zu werfen.

8 Kommentare zu „Jener Drache, Trauer

  1. Schön gesagt.
    Aber ich denke, ich sehe das anders.
    Natürlich muss man das differenziert betrachten. Und es ist von außen schwer zu erkennen, wo die Grenze verläuft zwischen harmlosem Trost und schädlichem Irrtum. Wenn wir mit Trauernden umgehen, sollten wir das behutsam tun, und versuchen, Verständnis zu haben. Wie eigentlich immer mit anderen Menschen.
    Aber dass ein irriger Glaube niemandem schadet, und dem Glaubenden hilft, ist auch zu einfach. Oft genug schadet er sehr wohl, oder ist zumindest ein Symptom eines Problems. Menschen können nicht immer rational mit ihren Problemen umgehen. Natürlich nicht. Ich auch nicht. Aber das ist schade, und ich denke, es sollte unser Ziel sein, es zu tun.
    Wie wir das am besten erreichen, oder besser: uns dem annähern können, ist noch mal eine andere Frage.
    Oder nicht?

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    1. Dake für deinen Kommentar :)
      Ich gebe dir absolut recht, dass Glaube schaden kann. Ich kenne es aus erster Hand im nahen Bekanntenkreis, dass falsche Hoffnung nicht nur in Gebete, sondern in explizit auf Ausbeutung ausgelegte Sektenesotherik gelegt wird. Der Punkt, den ich machen möchte, ist aber davon ausgehend folgender: Die Eltern in That Dragon tun das nicht. Der Punkt, an dem sie sich in Gott flüchten kommt (zumindest nach der Darstellung des Spiels) erst, als absolut klar wird, dass Joel nicht mehr zu heilen ist. Mehr, als sie und die Geschwister vor dem Zusammenbruch zu retten können sie damit ja gar nicht erreichen, und zumindest der Vater ist sich dessen scheinbar wohl bewusst. Und das ist die Art von Flucht in den Glauben, die ich tolerieren kann und meiner Meinung nach auch muss; weil sie damit niemanden verletzen, nicht einmal sich selbst, solange sie nicht bei der nächsten Krankheit den Arzt auslassen und gleich zum Priester gehen (wofür wir keinen Grund zur Annahme haben).

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      1. Danke für die Antwort. Zu den Spezifika der Spielhandlung kann ich leider nicht mitreden. Ich wollte nur den allgemeinen Differenzierungsvorschlag zur Diskussion stellen.

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  2. Es ist doch immer wieder interessant, wie intensiv Spiele Emotionen wecken können – sogar dann, wenn sie (noch) gar nicht gespielt wurden. War bei dir so bei That Dragon, Cancer und ist bei mir immer noch so. Wer beim Thema Verlust intensive Erfahrungen gesammelt hat, und das ist bei mir der Fall, überlegt genau, ob wirklich jede Konfrontation mit dem Thema Tod und Verlust willkommen ist und, individuell betrachtet, adäquat umgesetzt sein könnte. Und weiterhilft.

    Bei diesem schwierigen und traurigen Tod-Verlust-Themenkomplex werden in der Öffentlichkeit, wie auch in Gesprächen, oftmals vermeintlich lindernde und irgendwie irgendwas kompensierende Umwege genommen und hier scheint es in der Kritik des Spiels der Glaube zu sein. Wie angedeutet, gespielt habe ich That Dragon, Cancer noch nicht – aber mich stark gewundert, dass in einem Videospiel, dass offensichtlich dem Tod/Verlust einen ungewöhnlich großen Stellenwert einräumt, plötzlich der (dargestellte) Glauben der Entwickler mehr Wucht in der Diskussion erhielt als das Thema selbst. Das stört(e) mich enorm. Und daher warte ich noch eine Zeitlang ab, bis ich mich freigemacht habe von dem ganzen ollen Kram, der drumherum hochgejazzt wurde.

    Generell würde ich übrigens nie Kritik an Eltern äußern, die sich bei dem nahenden Verlust des eigenen Kindes dem Glauben zuwenden. Das zu tun ist mindestens arrogant, wahrscheinlich ignorant und auch nicht besonders intelligent. Und schon mal gar nicht mitfühlend.

    Was ich mir von dem Spiel erhoffe: Die Erweiterung des persönlichen Horizonts. The Leftovers als Serie kann das wunderbar, wie ich finde und Brothers: A Tale of two Sons als Videospiel ebenso. Und auch Journey ein wenig.

    Was mir an deinem Text neben dem Inhalt, der Aufbereitung und deiner Argumentation sehr gut gefällt: Der Text ist eine Reise und es ist eine gute Reise.

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    1. Danke Jens, fantastischer Kommentar :)
      Ich denke, die Kritik an den Eltern rührt aus dem (meist) irrigen Gedanken, man müsse jemanden beschützen. Das ist kompletter Unfug, wenn es darum um die Menschen selbst geht. Auch wenn ich mit der Ansicht desjenigen nicht konform gehe oder was er tut objektiv falsch oder schädlich ist, haben wir es in dem Fall mit einem erwachsenen Menschen zu tun, der seine eigene Entscheidung getroffen hat. Und wenn ihn eben in die Kirche führt, geht uns das nichts an.
      Kritischer seh‘ ich es dann schon, wenn beispielsweise ein Kind da mit reingezogen wird (Nochmal zur Betonung: Wie es hier definitiv nicht der Fall ist!). In die Kirche gehen schadet den meisten Kindern bestimmt nicht und das Aufwachsen in einer aufgeklärten Gesellschaft immer noch ermöglicht ihnen immer noch, später ihre eigene Entscheidung in der Sache zu treffen. Problematischer wird es bei anderen, fanatischeren auf Glaube basierten Handlungen. Wie gehe ich etwa mit Eltern um, die ihr krebskrankes Kind nicht zur Therapie schicken, sondern es mit Homöopathie zu behandeln versuchen? Wie mit Eltern, die ihr Kind in eine nur schwer zu verlassende Sekte oder Verschwörungsgruppe zwängen? Das klingt wie hypothetische Gedankenspiele, ich kenne aber aus beiden Beispielen jemanden, weswegen mir das Thema wohl auch so nahegeht.
      Aus diesen Fällen hat sich auch meine anfängliche Intoleranz gespeist. Ich habe sie dann eben durch That Dragon und meine persönliche Erfahrung im Bezug auf Kirchgänger und Hoffnungschöpfende abgelegt. Quasi die Einsicht, dass nicht alles irrationale gleichzeitig auch dumm oder böse ist.

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    2. Achja, Tod und Trauer als Konzept wäre auch mal eine Nachforschung wert. Brothers ist ein sehr gutes Beispiel, The Leftovers kenne ich gar nicht. Journey hätte ich gar nicht mit bedacht, aber ich sehe was du meinst. Mir fiele im kleinen Rahmen noch The Graveyard von Tale of Tales ein, ansonsten ist das (natürlich unglaublich steinige) Feld recht wenig beackert.

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      1. Religiös motivierte Handlungen am ethisch vertretbaren Rand sind natürlich brandgefährlich, das verstehe ich. Und auch deine Abwehr dagegen, wenn du Erfahrungen mitbekommen hast.

        The Leftovers ist von Damien Damelof, der maßgeblich für Lost verantwortlich war. Eine großartige und kluge Serie, meiner Meinung nach, aber kein einfacher Stoff. Als Serie funktioniert sie besser als die Literatur-Vorlage. Ist ja nicht die Regel, eigentlich. Und falls du Klassik-Klänge magst: Der Soundtrack von Max Richter ist der beste, den ich kenne.

        The Graveyard kenne ich gar nicht, danke für den Tipp! :-)

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