#52Games – Deep Blue Sea: Angelwut

Ich hatte noch nie eine Angel in der Hand. Bei dem Gedanken, einem frisch gefangenen Fisch den Schädel einzuschlagen oder ihn aufzuschneiden und auszunehmen graust es mir. Ich liebe es, Fisch in jeglicher Form zu essen, aber das Fischen an sich war mir immer fremd. Ein Kindheitsfreund angelt seit unserer frühen Teenagerzeit begeistert, auch der konnte mein Interesse nicht wecken.
Umso verwunderlicher, dass mich eine so tiefe Zuneigung an Angelspiele bindet. Oder besser gesagt, Angel-Minispiele – noch seltsamer, kann ich doch Minigames jeglicher Art eigentlich gar nicht leiden. Zu fröhlichem Geangel im Abendrot konnte ich in Videospielen allerdings noch nie nein sagen.
Wo das anfing, ist nicht schwer zu erraten. Denn Klein-Pascal hatte schon früh eine Schwäche für Harvest Moon.

Fischen in Friends of Mineral Towns Vorgänger Back to Nature. Quelle: harvestmoonbacktonatureguide.com

Fischen in Friends of Mineral Towns Vorgänger Back to Nature. Quelle: harvestmoonbacktonatureguide.com

Ich komme ja vom Land. Leider war der alte Bauernhof meiner Großeltern schon nicht mehr mit Kühen und Schweinen bevölkert, lediglich der große Garten voller Gemüse war immer da. Einen Angelteich gab es meines Wissens nach auch nirgends. Aber der Flair des Bauernhofs war noch immer da und weckte in meinem kindlichen Ich Farmerfantasien. Ein Hunger, den ein Harvest Moon natürlich fabelhaft stillen konnte.
Besonders viel Spaß hatte ich, zumeist in Harvest Moon: Friends of Mineral Town, definitiv am Kochen; das ganze Dorf habe ich mit meinen Speisen beschenkt. Und dafür brauchte es natürlich früher oder später auch Fisch, besonders in einem Spiel voller japanischer Rezepte wie Sashimi und Sushi. Also angelte ich; wertete meine schäbige Angel zu Kupfer, Eisen, Gold, Mythril auf und fand schließlich die Gesegnete Angel, zog Fisch um Fisch aus dem Meer. Angeln in Harvest Moon war immer schon recht simpel: Auswerfen, warten, wenn es „Pling!“ macht und der Charakter zuckt, schnell den Knopf drücken. Das war nicht wirklich die Definition von Spaß, der kam eher durch den sofortigen Erfolg in Form eines dicken blauen Fisches. Und einen winzigen Sammelanreiz abseits der Rezepte gab es da auch schon: Legendäre Fische erschienen zu bestimmten Jahreszeiten an bestimmten Orten, und manchmal gab es auch eine Flaschenpost vom Grund des Gewässers zu bergen.

Logisch, dass sich derselbe Trieb aus denselben Gründen auch in der Gegenwart wieder hat wecken lassen: Wer heute Harvest Moon sagt, der denkt meist im selben Atemzug direkt auch an Stardew Valley und genau da habe ich mich angelnd ausgelebt. Hier – wie auch in so ziemlich allen anderen Spielen mit Angel-Minigame, in die ich mich noch vertieft habe – nimmt der Sammelaspekt eine ähnliche Rolle ein wie die Achievements, über die ich letzte Woche geschrieben habe: Es gibt ausufernde Listen zu fangender Fische, zu sammelnder Muscheln und erforschender Fossilien, die ich Stück für Stück mit Häkchen fülle; als netter Nebeneffekt wandern die Fänge dann auch noch in den Topf oder werden gewinnbringend verkauft. Da ich heute deutlich zielgetriebener spiele als damals war das in diesem Fall mein Hauptantrieb. Und das schöne an Stardew Valleys Angelspiel ist im Kontrast zu Harvest Moons, dass es zwar ziemlich schwer werden kann, aber meiner Meinung nach sehr gut funktioniert. Der auf- und abspringende Fisch demonstriert die Stärke des Viechs, das am Haken hängt, und der grüne Balken muss stetig hinter ihm gehalten werden, um die Leine einzuholen. Zu viele Fehler und der Fisch entkommt, perfektes Einholen gibt gleich noch einen Bonus in der Qualität des Fisches. An der Güte dieses Minigames scheiden sich die Geister, ich find’s klasse.

Quelle: vividgamer.com

Quelle: vividgamer.com

Das sind sicher die offensichtlichsten Beispiele. Aber Angeln hat es auch – zum Glück! – in andere Genres geschafft und sogar seine kompletten eigenen Spiele bekommen. Das Angeln in Okami beispielsweise wird gern ebenso als Plage bezeichnet wie in Persona 4 Golden, aber dem kann ich nur in letzterem Fall Recht geben. In Okami artet das Fischsammeln zwar etwas aus, dass Minigame funktioniert aber super. Meiner Meinung nach sogar besser als in vielen aufs Angeln konzentrierten Sportspielen, die dann doch einen Grad an Komplexität erreichen, der mich davon abhält, die Entspannung, für die ich Angeln halte, zu genießen.
Dass Einfachheit aber auch beim Angelspiel nicht immer Spaß bedeutet, zeigt dann wie erwähnt Persona 4 Golden. Ich liebe Persona 4; jede Version, jedes Spinoff, jeden Fetzen Story und jedes Spielsystem. Bis auf das Angeln, dass leider für eine wesentliche Nebenquest von essentieller Bedeutung ist. Um die Sympathie aller Charaktere – und, nebenbei, mehrere Trophäen – zu erringen, muss der Protagonist die beiden „Guardians“ des Flusses und des Meeres von Yaso-Inaba fangen. Was hierzu nötig ist, dass sind die richtigen, aufwendig zu erlangenden Köder, der richtige Zeitpunkt im Kalender – Verpassbarkeit inklusive – und viel, viel Geduld. Denn das Minigame besteht im großen und ganzen daraus den Stick auf einer Leiste zur Seite zu hämmern und an der richtigen Stelle der Leiste einen Knopf gedrückt zu halten. Zu lange oder zu früh und der Fisch schwimmt gerne einmal den ganzen bereits herangezogenen Weg wieder zurück, und nach einigen Fehlern reißt die Leine. Während das beim River Guardian noch funktioniert, sorgt es beim Sea Guardian für mehrere Stunden nervliche „Zerreißproben“.

Quelle: consoleclassix.com

Quelle: consoleclassix.com

Nein, da spiele ich lieber zweidimensionale, simple und gerne auch alte Versionen dieses mir eigentlich so fremden Sports. Das Harvest Moon Fishing-Spinoff Legend of the River King etwa, dass bisher noch ungespielt auf meinem 3DS liegt, aber mich bei jedem Vorbeiscrollen mit seinen knuffigen, Natsume-typischen Sprites anlächelt, darauf freue ich mich sehr. Und Vlambeers Ridiculous Fishing habe ich auch noch auf der Liste. In Stardew Valley habe ich leider schon alles gefischt, was sich fischen lässt.

#52Games ist ein Blogprojekt von Zockwork Orange, das jede Woche ein neues Thema vorgibt. Das dieswöchige Thema lautete ‚Deep Blue Sea‘.

9 Gedanken zu “#52Games – Deep Blue Sea: Angelwut

  1. Ha! Angeln in Spielen. Das kenn ich von Torchlight.
    Fand es klasse, mein Pet in irgendein komisches Viechzeugs zu verwandeln.

    Ansonsten finde ich es schade, dass Skyrim super Fische anbietet (Abeceanische Mirakelbarsch) aber keine Angel.

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      • Ja genau. Und dann noch die Sache mit den Hühnern. Nicht mal Huhn-am-Spiess geht einfach, nein das ganze Dorf ist hinter dir her, wenn du deinen Hunger stillen willst.

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  2. Kann ich kurz anmerken, wie unglaublich großartig ich es finde, Harvest Moon in deinem Artikel wiederzufinden? Ich finde es unglaublich großartig. Bei dem Thema „Deep Blue Sea“ wäre mir das Spiel eigentlich niemals eingefallen, dabei liegen Angelspiele eigentlich so nahe! Ziemlich coole Sichtweise und auch wirklich schöner Artikel. :)

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  3. Was für ein wunderschöner Artikel! Wenn nicht sogar einer der besten, die ich so lesen durfte. Ich habe so eine große Freude gehabt ihn zu lesen. Angeln kann in Spielen, wie du schon sagst etwas Tolles sein, aber auch zur Plage werden. In Animal Crossing angle ich ganz gerne um mich von dem stressigen Alltag als Bürgermeisterin zu erholen. :)

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    • Vielen vielen Dank für all das Lob :)
      Ich finde es ganz toll dass sich Angeln so in fast allem, was man “Lebenssimulation“ nennen könnte etabliert hat. In solchen Spielen kann ich einfach wunderbar versinken. Auch in Animal Crossing natürlich, das habe ich nur nie selbst besessen, immer nur wo anders mitgespielt.. :)

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  4. Pingback: Es ist alles so schön! – indieflock

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