Bohr, Mann!

Ein Spiel, bei dem man möglichst viel Geld mit dem Fördern von Öl verdienen muss? Und dazu ein Indiegame? Einem Freund dieser beiden Dinge musste ein Spiel wie Turmoil natürlich sofort ins Auge stechen, und so lachte mich beim vergangenen Steam-Sale das grüne Emblem mit der Prozentzahl an, die mich dann zum Kauf bewegte, auf der Wunschliste war es sowieso.

Als PC-Spieler, der schon in den frühen Neunzigern der Lust am gepflegten Zocken frönte, kamen mir zunächst sofort alte Spiele wie Invest, Black Gold oder Oil Imperium in den Sinn. Da ich ein großer Fan von Spielen mit Fokus auf Wirtschaft und Handel bin, trifft das Grundprinzip dieser Spiele genau meinen Nerv: Setze Geld ein, um mehr Geld draus zu machen – der feuchte Traum eines jeden BWLers.

Eat, Sleep, Repeat?

Als größte Krankheit dieses Genres ist wohl die Wiederholung zu sehen. Vielen Spielen mangelt es an Tiefe, so dass man oftmals schnell ein bestimmtes Muster erkennt, welches fast ausnahmslos zum Erfolg führt, wenn man die richtigen Schlüsse daraus zieht. Daher verlieren diese Spiele meist schon nach kurzer Zeit ihren Reiz und geben kaum Anlass zum längerfristigen Spielen. Ganz im Gegensatz zum realen Geld ist das Ansammeln von immer mehr Spielgeld als alleiniges Spielziel dann doch nur für einige Hardcorefans interessant. Für die meisten Spieler dürfte der Versuch, möglichst viele Zahlen vor das Komma zu bringen, schnell zur schnöden Angelegenheit werden. Die große Frage ist also: Was kann Turmoil, was ähnliche Spiele nicht oder nur schlecht können? Oder hat man hier einfach nur die alten Klassiker etwas aufgebohrt? (Nein, den konnte ich mir NICHT verkneifen.)

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Der Kern von Turmoil: Das Schürfen nach dem schwarzen Gold

Country, Comic, Claims

Ganz klarer Vorteil von Turmoil gegenüber den vorgenannten alten Spielen ist allein schon altersbedingt die äußere Verpackung, da ist heutzutage natürlich mehr möglich als noch 1995. Der nett gestaltete Comicstil ist sehr schlicht, aber durchweg stimmig und auch längerfristig sehr schön anzusehen. Auch die musikalische Untermalung ist sehr angenehm und weiß trotz der geringen Vielfalt auch längerfristig zu gefallen. Eine kleine Einschränkung muss ich dabei aber doch machen: Zu Beginn wird im Wilden Westen geschürft, weshalb die Countrymusik, genau wie in der kleinen Stadt mit Saloon, auch wunderbar passt. Wenn man dann aber plötzlich in der Eislandschaft nach dem schwarzen Gold buddelt, wirken die Gitarrenriffs zuweilen ein bisschen fehl am Platz.

Tiefgründig

Doch nicht nur optisch und akustisch bietet Turmoil etwas für den Spieler. Denn das Spiel wartet mit mehr Tiefgang auf, als es zu Beginn zeigen möchte. Der Clou dabei sind nämlich die Upgrades und zusätzlichen Fähigkeiten, die man sich vom hart verdienten Geld kaufen kann. Dazu gehört neben der Vergrößerung des Rohrdurchmessers (hrhr!), der Vergrößerung der Herde an Zugpferden oder der Vergrößerung der Öltanks auch die Bestechung. So kann man zum Beispiel dem Betreiber einer der beiden Gesellschaften, die einem das Öl abnehmen, einen Betrag x in die Hand drücken, damit der dafür sorgt, dass sein Preis für das Öl niemals unter einen gewissen Wert fällt. Oder man besticht den Bankier, damit er den nächsten Kredit zu niedrigeren Zinsen anbietet (das solltet ihr im realen Leben lieber nicht probieren!). Was mir an den Upgrades besonders gut gefällt: Fast alle Upgrades sind nicht dauerhaft aktiv, sondern müssen während jedes Schürfvorgangs neu eingesetzt und damit auch bezahlt werden. Damit ergeben sich je nach gerade gespielter Map neue strategische Möglichkeiten.

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In der Stadt (hier noch nicht vollständig besiedelt) kauft man Upgrades bei den Bewohnern oder besticht diese mit Geld oder Diamanten

Diggy Diggy Hole

Grundsätzlich ist Turmoil in Runden unterteilt, welche folgendermaßen ablaufen: Man bietet in einer Auktion mit seinen drei Gegenspielern (KI) um ein Stück Land, von dem man sich verspricht, dass es besonders viel Öl enthält. Anschließend kauft man, falls möglich, Upgrades und besticht den einen oder anderen Dorfbewohner, und dann geht es schon los auf das eben erworbene Ölfeld. Man hat genau ein Jahr Zeit, dort zu schürfen und möglichst großen Profit daraus zu schlagen. Der Spieler nimmt dabei aber nicht sein gesamtes Vermögen mit (viel zu gefährlich!), sondern lediglich 2000$, mit denen man auf dem Ölfeld Bohrtürme, Pipelines und Tanks errichtet sowie Zugpferde mit Karren kauft. Links und rechts im Bild befinden sich die beiden Unternehmen, die einem das Öl abnehmen. Hier kommt wieder ein taktisches Element ins Spiel: Beide Unternehmen bieten einen unterschiedlichen Preis für das Öl, und die Preise beider Unternehmen schwanken ständig, so dass man sich also immer entscheiden muss, ob man das Öl nun nach links oder nach rechts karren möchte. Oder aber in die eigenen Tanks, um auf einen guten Preis zu warten und das Öl später mit größerem Gewinn zu verscherbeln. Dann dauert es aber wieder eine Weile, bis man weitere Bohrtürme oder Pferdekarren kaufen kann, wenn man nicht unbedingt auf einen Kredit zurückgreifen möchte.

Aber Vorsicht: Nicht selten haben in meinem Spiel kleine Fehler größte Wirkung gezeigt. Läuft der Bohrturm über, weil das Öl nicht schnell genug abtransportiert werden kann, drohen empfindliche Strafen, die einen kompletten Schürfvorgang schnell zu einem finanziellen Desaster werden lassen. Also: Trotz Zeitdruck konzentriert bleiben und immer alles im Blick haben ist oberstes Gebot. Und das ist ebenfalls eine Stärke des Spiels: Gerade das sorgt nämlich dafür, dass das Spiel keinerlei Längen hat, sondern den Spieler kontinuierlich fordert oder sogar zuweilen in Hektik versetzt.

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Oh nein! Der rechte Bohrturm fördert mehr Öl als meine Pferdekarren abtransportieren können. Das wird teuer!

Viele Wege führen nach Rom

Dazu kommt, dass jede Karte per Seed anders generiert wird und somit andere Anforderungen stellt, so dass oftmals mehrere Wege zum Ziel führen und dass man sich zwischen den Schürfsequenzen auch immer vor die Wahl gestellt sieht: Wofür gebe ich mein hart verdientes Geld nun aus? Ventile? Noch breitere Rohre? Maulwürfe, die man trainieren kann, damit sie nach Diamanten buddeln?

Dass man im Endgame dann eröffnet bekommt, dass der Bürgermeister des Ortes sich zur Ruhe setzen möchte und demjenigen dieses Amt überlassen möchte, der am Ende des Spiels mindestens die Hälfte der Anteile an der Stadt besitzt (ein Hoch auf die Demokratie!), ist zwar sowas wie ein Spielziel, aber das bräuchte es eigentlich gar nicht. Den Unterhaltungswert zieht Turmoil schließlich aus dem optimierten Schürfen und nicht aus dem Sammeln des Geldes an sich.

Not old, but gold

Unterm Strich ist Turmoil somit eine gelungene Wirtschaftssimulation mit gefälliger Aufmachung und ausgeprägtem Upgradesystem, das auch mit einem Einzelspielmodus und nach erfolgreich abgeschlossener Kampagne mit einem Expertenmodus aufwartet, in dem man dann noch etwas mehr gefordert wird und die wählbaren Charaktere auch noch Spezialfähigkeiten haben. Schöne Idee, somit spielt man das Spiel auf jeden Fall noch ein zweites mal. Demnach ist man mindestens zwanzig Spielstunden mit dem Buddeln und Upgraden beschäftigt. Für ein Spiel der Preisklasse <10€ geht das definitiv in Ordnung. Und als kleines Sahnehäubchen gibt es für die Statistiker unter den Gamern auch noch ein kleines Arsenal an Auswertungen und Grafiken, mit deren Hilfe man seine Geschäfte weiter optimieren oder einfach nur bewundern kann.

Wenn man denn unbedingt über etwas jammern möchte, dann gibt es eigentlich nur eines zu beklagen: Warum muss man sich mit der KI als Gegenspieler begnügen? Sich mit Freunden zu messen macht eigentlich grundsätzlich mehr Spaß. Der fehlende Multiplayermodus bleibt aber für mich der einzige Wermutstropfen. Denn das Spiel ist für alle Betriebssysteme zu haben und neben Deutsch und Englisch stehen noch vier weitere Sprachen zur Verfügung, so dass auch wirklich jeder auf seine Kosten kommen kann.

Ich komme zu dem Schluss, dass Turmoil dem Vergleich mit den Vorbildern aus der Pionierzeit der Computerspiele mit Wirtschaftsfokus – verdammt, jetzt fühle ich mich alt – durchaus Stand halten kann. Darüber hinaus verleihen die guten Ideen der Entwickler diesem Spiel aber noch einen Mehrwert, aufgrund dessen ich es jedem WiSim-Fan ans Herz legen möchte. Und günstig ist es auch noch. Wie praktisch!

Noch ein paar Worte in eigener Sache

An dieser Stelle möchte ich mich noch bedanken, dass ich in diesem wunderbaren Blog mein Mitteilungsbedürfnis stillen darf. Bereits 2014 habe ich meine ersten Reviews an anderer Stelle geschrieben, meine „Karriere“ aber nach kurzer Zeit auf Eis gelegt. Umso mehr freue ich mich, nun Seite an Seite mit einem freundgewordenen Zockerkameraden schreiben zu dürfen! Zumindest dann, wenn er wieder von seiner Englandreise zurück ist. Bis dahin werde ich euch noch den einen oder anderen Text um die Ohren hauen.

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