Schlag dich durch

Ich verliere KEIN WORT über den Punch Club.

Natürlich werde ich sogar mehrere Worte über den Punch Club verlieren, denn es ist ja der Punch Club und nicht der Fight Club. Die Namensähnlichkeit ein reiner Zufall? Ich denke eher nicht. Eine sicherlich nicht ganz ungewollte Anlehnung an ein berühmtes Vorbild, und doch nur eine der zahlreichen Anspielungen, die diesem Spiel etwas Besonderes verleihen. Aber lasst mich erst einmal ein paar Worte zum Spiel selbst verlieren.

Niedergeschlagen

In der doch recht kurz geratenen, aber nett aufgemachten Eingangssequenz erfahren wir… nun ja, eigentlich nichts, außer dass unser Vater ein Kämpfer war und auf der Straße erschossen wurde, während wir als Kind dabei zusehen müssen. Erzählerisch durchaus etwas kurzatmig geraten, aber natürlich ist klar, wohin die Reise geht: Wir werden natürlich selbst ein Kämpfer und wollen rausfinden, wer der Mörder unseres Vaters ist. Das ist es, was uns vor allem anderen motiviert, zügig voranzuschreiten. Zu Beginn sind wir allerdings völlig orientierungslos und wachen als junger Erwachsener in unserer zugegeben doch etwas verwahrlosten Bude auf und wissen eigentlich nicht wirklich, was wir tun sollen. Die wirklich entscheidenden Tipps erhält man nämlich nicht direkt, sondern erst nach einiger Zeit von Frank, ein Polizist und alter Freund unseres Vaters, der uns aufgezogen hat, in Form eines kleinen Faltblatts, das die wichtigsten Details zur Hauptmechanik des Spiels liefert. Die ist an sich simpel erklärt: Der Charakter nimmt an diversen Kämpfen teil und muss, will er gewinnen, natürlich auch besser werden. Dazu bietet das Spiel vier Möglichkeiten an: Stärke, Agilität und Ausdauer sind die Fähigkeiten, die man durch Training zu Hause oder im örtlichen Fitnessstudio verbessert.

blubb
Im Fitnessstudio trainieren wir die Attribute Stärke, Agilität und Ausdauer (oben in rot, grün und blau dargestellt)

Darüber hinaus gibt es einen Skilltree, bei dem man neue Kampfmoves, aber auch erhöhte Erfahrungsgewinnung der drei Stats und passive Skills freischalten kann. Die dafür benötigten Erfahrungspunkte erhält man nach jedem Kampf. Man kämpft dabei nicht selbst, sondern legt in den verschiedenen Runden des Kampfes die Moves aus, die unser Protagonist verwenden soll, anschließend läuft der Kampf bis zur nächsten Pause automatisch. Prinzipiell ist das ein recht einfaches und wenig innovatives System, aber die Tücke liegt hier in der Balance. Wer versucht, in möglichst kurzer Zeit alle Stats durch die Decke zu prügeln, hat nicht nur alle Hände voll zu tun, sondern wird auch krachend scheitern. Denn das System ist darauf ausgelegt, dass der Kämpfer sich spezialisieren muss. Tut man das nicht, mag man den einen oder anderen Kampf vielleicht gewinnen, echten Fortschritt wird man damit aber nicht erleben. Ich hatte mich anfangs zum Beispiel darauf festgelegt, meinen Fokus auf Agilität zu legen. Trainiere ich nun das Attribut Stärke zu stark, wird mein Charakter träge und verbraucht zu schnell seine Energie im Kampf, was dazu führt, dass man schnell mal auf die Bretter geschickt wird. Balance heißt hier das Zauberwort.

Die wahre Herausforderung ist, zumindest anfangs bei diesem Spiel, aber das Zeitmanagement. Denn man verliert jeden Tag auch Punkte der drei Hauptattribute, wird also schwächer, wenn man nicht trainiert. Neben dem Training muss man aber schließlich auch essen, schlafen und natürlich arbeiten, um das Eintrittsgeld für das Fitnessstudio und die eigene Verpflegung finanzieren zu können. Wenn man dann mal ein bisschen Fuß in der Spielwelt gefasst hat, geht das aber eigentlich ganz gut.

punchclub2
Vor jeder Runde eines Kampfes legt man die Taktik in Form von Skills fest und hofft dann, dass sich der Charakter gut schlägt (haha)

Schlag auf Schlag

Während man sich erstmalig auf den Weg zur Arbeit macht, wird man direkt mal überfallen und in einen Kampf verwickelt. Den verliert man, aber man wird von einem gewissen Mick aufgegabelt, der in uns ein schlummerndes Talent entdeckt und uns fördern möchte. Darum macht er uns mit mehreren Menschen in der namenlosen Stadt, deren Grundriss an New York City bzw. Manhattan erinnert, bekannt, die unsere Entwicklung fortan begleiten. Unser Weg führt anschließend über die Rookie League und illegale Straßenkämpfe immer tiefer in eine verworrene Story, in der wir immer wieder Szenen erleben, in denen uns ein Lächeln über die Lippen kommt. Denn der schlimmste Fehler, den man als Spieler von Punch Club machen kann, ist, das Spiel ernst zu nehmen. Auch wenn natürlich der Todesfall zu Beginn des Spiels zunächst eine düstere Geschichte einleitet, spielt selbiges sehr ausgiebig mit Klischees und bringt durch sehr viele Anspielungen auf bekannte Filme und Spiele eine gewisse Komik ein: Wenn wir etwa in einem Supermarkt einkaufen, dessen Besitzer Apu heißt, wenn wir Pizza an vier maskierte Mutanten in der Kanalisation liefern, wenn wir Fitnessgeräte von einem Glatzkopf namens Proper kaufen oder wenn wir in ein Café gehen, in dem zwei uns nur allzu bekannte Ganoven mit einem Koffer unbekannten Inhalts gerade ihren Ausstieg aus dem Business diskutieren, dann sind das ziemlich gelungene Referenzen auf ein Stück Popkultur der letzten Jahrzehnte, die das Spiel in seiner Qualität nochmal deutlich aufwerten. Auch unser Protagonist, immer wieder als „Kid“ angesprochen (auch das kommt uns irgendwie bekannt vor…), kann kaum ernst genommen werden, ist er doch ein sich maßlos selbst überschätzender Trottel, der seine Stärken eher in den Armen als im Kopf hat. Das Ganze aber doch wieder auf eine liebenswerte Art und Weise, so dass man ihm unbedingt dabei helfen möchte, das Mysterium, das die Stadt umtreibt, aufzudecken und den Mörder seines Vaters zu finden.

punchclub3
Diesen Kampf in einem Trailerpark werden wir zwar wohl verlieren, aber wenigstens haben wir Bobo nochmal ordentlich auf die Fresse gehauen

Durchschlagender Erfolg

Mir persönlich gefällt die Aufmachung des Spiels zudem sehr gut. Ja, sie ist in schlichter 16bit Grafik gehalten, aber sehr schick designt, und ich steh als Fan des guten alten Super Nintendos halt auch drauf. Der Soundtrack klingt ebenfalls wie in der guten alten Zeit und geht total ins Ohr. Auch hier wird man gerne mal ein wenig bespaßt: Tritt man später seine Reise ins kalte Russland an, ertönt eine Melodie, die man so zwar nicht kennt, die einem aber mindestens bekannt vorkommt. Spätestens, wenn man versucht, die Melodie von Tetris dazu zu summen, weiß man, woher der Wind weht. Bezüglich der Referenzen hatten die Entwickler sichtlich ihren Spaß und schaffen es ausgezeichnet, diesen Spaß auch an den Spieler weiterzugeben. Denn auch wenn ich Filme wie Rocky, Karate Kid und Fight Club (noch) nicht gesehen habe: Die Anspielungen sind offensichtlich genug, dass man selbst dann den Gag versteht, wenn man nur über oberflächliche Kenntnisse des Originals verfügt.

Zum Rundumschlag ausgeholt

So, genug geschwärmt, der Meckeronkel in mir will nämlich auch noch etwas über die negativen Aspekte des Spiels loswerden, wobei ich allerdings vorab sagen möchte, dass nichts davon schlimm genug war, als dass mich die positiven Seiten des Spiels nicht in den Bann gezogen hätten, immer weiter spielen zu müssen.

Da man bezüglich Story und Gameplay erst einmal nicht so wirklich weiß, was zu tun ist, ist es schon etwas merkwürdig, dass man das Tutorial in Form eines Faltzettels erst nach dem ersten Kampf in der Rookie League bekommt. Denn zu dem Zeitpunkt hat man bereits einen Skillpunkt verbraten und idealerweise auch schon trainiert, ohne das Wissen, dass man sich spezialisieren und auch seine Skills entsprechend auswählen sollte. Das hätte etwas früher mehr Sinn gemacht, ist aber nicht so tragisch. Ein weiterer Kritikpunkt liegt beim Geld. Das Zeit- und Geldmanagement ist vor allem zu Beginn eine große Herausforderung, was mir sehr gut gefallen hat. Beim Reisen durch die Straßen der Stadt wird man allerdings auch gerne mal überfallen, aber nur, wenn man einen Betrag x oder mehr mit sich rumträgt. Haben die Banditen eine Kamera in unserer Brieftasche oder warum kommt kein Bandit, wenn wir 199$ dabei haben, aber mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit einer, wenn wir 201$ dabei haben? Ich verstehe schon, dass das verhindern soll, dass man sich allzu früh sein privates Fitnessstudio zu Hause aufbauen kann, da die Geräte alle mehr als 200$ kosten. Aber das hätte man sicher eleganter lösen können.

Und dann ist da noch dieser Koffer. Überhaupt gehen in unserer Abwesenheit offensichtlich ständig Leute in unserer Siffbude ein und aus und hinterlassen irgendwelches Zeug, sei es Franks Kampfhandbuch (das uns im Gegensatz zu Trainer Silver oder Pate Mick in Bezug auf unsere Kampfausbildung wirklich nützlich ist) oder eben besagter Koffer. Dieser leuchtet immer dann, wenn in der Stadt ein Verbrechen passiert, das man mit den eigenen Fäusten möglicherweise verhindern kann. Später ist das optional, aber zu Beginn zwingt einen dieser Koffer immer, sich direkt drum zu kümmern. Jetzt gleich, SOFORT! Obwohl man eigentlich lieber essen, schlafen oder für den nächsten Kampf trainieren möchte. Das ist dann ärgerlich, da man vor allem unausgeschlafen auch eher mal einen Kampf verliert.

punchclub1
Bei all den Kämpfen sollte man aber auch seinen körperlichen Status (oben links) nicht aus den Augen verlieren

Frustmomente gab es wenige, aber ich habe schon eine ganze Weile gebraucht, um meinen Tagesablauf optimal zu planen. Meinen Skilltree würde ich mit meiner jetzigen Erfahrung ebenfalls nochmal anders setzen. Allerdings bin ich mir noch nicht sicher, wie gut ich das Kampfsystem wirklich finde. Denn mein Eindruck ist, dass ich nun eine Taktik gefunden habe, mit der ich im Grunde jeden Gegner direkt niederstrecken kann, ein Taktikwechsel während des Kampfes hat sich mir bisher nie aufgedrängt. Hier muss wohl nach dem ersten Durchspielen noch ein zweiter Anlauf her, bevor das final beurteilt werden kann.

Und dann wäre da noch was: Das Spiel lebt vom Grinding. Ja, ich bin kein Fan davon. Aber: hier ist das Grinden nicht einfach nur schlechte Spielmechanik, sondern passt exzellent in das Setting. Denn wenn wir mal ehrlich sind: Den eigenen Körper athletisch zu verbessern, ist nun mal nichts anderes als Grinding. Die harte Arbeit unseres Protagonisten spiegelt sich darin wunderbar wider und ist wunderbar mit der Story verzahnt, was, zumindest für mich, aus einem negativen einen positiven Punkt macht.

Zuschlagen!

Der Vollpreis von 9,99€ bei Steam ist für den Umfang des Spiels absolut angemessen, man wird hier gut und gerne 10-15 Stunden bestens unterhalten und dank verschiedener Kampfspezialisierungen sowie der Wahl zwischen einer ehrenhaften Profikarriere und dem Aufstieg in der Unterwelt ist auch durchaus ein erneutes Spielen denkbar. Ich habe jedenfalls eine zweite Partie begonnen und mich nun auf Ausdauer spezialisiert. Und kriege aufs Maul. Es ist auch im zweiten Durchlauf noch fordernd. Sehr schön!

2 Kommentare zu „Schlag dich durch

  1. Habe nach Lektüre dieses Posts (und weil ich Punch Club im letzten Summer Sale erstanden hatte) interessiert das Spiel gestartet und echt Spaß gehabt die ersten vier, fünf Stunden. Danach finde ich allerdings, dass der Spaß stark ins Hintertreffen gerät. Das Grinding stellt zwar, wie du sagst, eine recht passende Realisierung des Trainings dar, aber es wird einfach viel zu viel, wenn man erst mal um den Weltmeistertitel boxt. Da muss ich zwischen den Kämpfen teilweise 20min grinden, weil der Verfall der Skills einfach enorm ist, und verliere dann durch den signifikanten Zufallsfaktor während des Kampfs dennoch. Außerdem macht es auf mich den Eindruck, dass Punch Club ziemliche Balancing-Schwierigkeiten hat. Der Weg des Tigers (Agilität &Tritte) scheint nämlich deutlich stärker zu sein als Bär (Stärke & Fäuste) und Schildkröte (Ausdauer & Blocks). So stark, dass ich mit meinem Bären so überhaupt keine Chance gegen die Kontestanten im World Cup habe, obwohl ich ihnen an reiner Kampfkraft anhand der Punkte weit überlegen sein sollte. Das ist echt schade, denn grade am Anfang des Spiels ist es ein super befriedigendes Gefühl, mit drei Schlägen einen Gegner umzuklatschen.
    Ich gebe Punch Club jetzt denke ich noch eine Spielsession, wenn ich danach immer noch im Grind feststecke, war es das für mich.

    Gefällt mir

  2. Also ich kann nachvollziehen, was du sagst. Denn ich habe mit dem Weg der Schildkröte überhaupt kein Land gesehen. Das hat sich auch nicht mehr geändert, daher habe ich das Spiel dann im zweiten Durchgang nach gut 3 Stunden beiseite gelegt. Für einen Durchgang ist das Spiel aber in Ordnung.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s