#52Games – Grenzen: Review-Exemplare

Diese Woche hat Bethesda verkündet, das sie ihre Pressemuster für neue Spiele erst einen Tag vor Release herausgeben wollen. Die Reaktion darauf war von mehreren Seiten eine nicht allzu positive: Viele Reviewer fühlen sich in ihrer Ernstnehmbarkeit bedroht, wenn ihre Tests nicht am Releasetag veröffentlicht werden. Andere begrüßen die Politik, um gegen aufgeregte, überhypte Day-One-Reviews vorzugehen und überlegten, kritischen, wertigen Texten mehr Bedeutung beizumessen. Hin und wieder habe ich auch gelesen, Reviewer sollen doch einfach froh sein, überhaupt Gratisspiele zu kriegen. Meine Gedanken dazu passen ganz gut zum dieswöchigen #52Games-Thema Grenzen, dachte ich mir, also stelle ich mir nun die Frage: Gibt es bei Testmustern überhaupt ‚Grenzen‘? Sollte es?

Das tue ich vor allem, da ich letzte Woche selbst eines bekam. Mit dem Release von Civilization VI hat sich 2K besonders bemüht, Spielejournalisten zu gefallen. Da ich das hier alles nur hobbymäßig tue, käme ich nie auf die Idee, mich als solcher zu bezeichnen, und 2K sowieso nicht. Aber durch einen lieben Menschen, der mir sein Paket überlassen hat, bekam ich trotzdem jene Sonderbehandlung, die sonst Gamestar-Redakteuren oder Gronkh zuzustehen scheint. Ins Haus geflattert kam nämlich eine limitierte Sonderedition im edlen Karton mit allerlei coolem Kram dabei. Poster, Soundtrack, eine Powerbank mit Aufdruck, Spielkarten. Natürlich dominiert erst einmal die Freude, hübsche und nützliche exklusive Sachen bekommen zu haben, die Gedanken. Aber recht bald realisiert man dann doch, dass das über ein Gratisspiel zu Reviewzwecken hinaus geht. Mehr als eine geschäftliche Beziehung. Vielleicht ist es ein Dankeschön, gerade an diejenigen Journalisten, die sich unter Zeitdruck durch ein Spiel crunchen, ohne Spaß an der Sache haben zu können, weil sie eine Deadline einhalten müssen. Oder es ist Eigenwerbung, denn wenn auf der Gamescom ordentlich Leute mit Civ-Accessoires herumlaufen, fällt das vermutlich auch einigen bisher Uninteressierten auf. Oder es ist einfach Bestechung, weil man sich eine bessere Review erhofft. Das scheint am offensichtlichsten, doch wenn ich mehr darüber nachdenke, glaube ich nicht mehr so recht daran; dafür ist der Abnutzungseffekt doch viel zu groß. Wenn das Usus in der Spielebranche ist, freut sich der Journalist dann noch so sehr darüber, dass er euphorischer ans Spiel geht? Oder nervt ihn die nächste große Packung eher, die er einfach nicht mehr ins Regal bekommt?

An mir selbst konnte ich diese Gedankengänge gut beobachten. Zunächst die Freude über das „Geschenk“, Stolz darüber, etwas mit dem so zeitintensiven Hobby erreicht zu haben, seien es auch nur Kleinigkeiten. Dann die Zweifel: Sollte ich bestochen werden, darf ich mich freuen? Darf ich denn überhaupt veröffentlichen, was ich bekommen habe? Dass es mein Urteil nicht trübt, ist mir von Anfang an klar, dafür ist es mir zu wichtig, Games als Medium voranschreiten zu sehen. Civilization VI ist ein tolles Spiel, das wie alle anderen auch so seine Macken hat, und ich werde auch an anderer Stelle einen dedizierten Text dazu schreiben – das, so denke ich, ist jeder der Reviewkeys erhält den Entwicklern schuldig. Das Limited Edition-Zeug ist für mich eine komplett andere Baustelle als das Spiel; ich kann allerdings nicht ausschließen, dass das für andere nicht so zutrifft.
Warum ich mir so sicher bin? Als ich dieses Jahr beim Deutschen Computerspielpreis in München war, habe ich gesehen, wie die Spieleindustrie – das heißt, Journalisten, PR-Beauftragte und Entwickler – miteinander umgeht. In einem Wort: Familiär. Da wird miteinander gefeiert und geplaudert wie mit alten Freunden, weil die meisten vermutlich tatsächlich alte Freunde sind. Ich gehe davon aus, dass diese Beziehungen die Wertungen ebenso wenig beeinflussen wie oberflächliche Geschenke. Gerade einen Job wie Spielejournalist macht man nicht, wenn man nicht voll dahinter steht; dafür ist der Lohn dann wohl doch zu gering.

Warum also der Aufwand, Holzkästchen und Accessoires zu verschenken? Zum einen vermutlich aus eben jener Freundschaft. Das juckt die produzierenden Instanzen des Publishers natürlich wenig, aber die PR-Abteilung, die solche Geschenke eventuell in Auftrag gibt, sicher. Zum anderen eben, weil Powerbanks mit Civ-Logo praktisch genug sind, um sie mit sich herum zu tragen und öffentlich zu benutzen. Werbung also. Wie gut ich es finde, dass das ganz normal zu sein scheint, weiß ich nicht. Über freundschaftliche Beziehungen zu den Publishern und Entwicklern, mit denen ich Kontakt habe, freue ich mich sehr. Links zu den geschriebenen Reviews zu schicken ist das mindeste, auch wenn grade Indie-Entwickler aus anderen Ländern keine deutsche PR besitzen, die ihnen den Text übersetzen könnte. Es ist eine Geste des Respekts. Ebenso ist es aber auch eine Geste des Respekts dem Leser gegenüber, offenzulegen, ob man Keys umsonst bekommen hat oder sogar mit Geschenken überhäuft wurde. Bisher habe ich das nicht konsequent gemacht; nicht alle Reviews, für deren Spiel ich nichts bezahlt habe, sind klar gekennzeichnet. Mit diesem Sonderfall jedoch wollte ich nicht hinter dem Berg halten, und ich gebe mir alle Mühe, in Zukunft konsistent zu kennzeichnen. Wir haben es geschafft, dass ernstzunehmende Spielekritiker Punktewertungen von sich weisen; wenn der nächste Schritt Richtung Transparenz geht, können wir das Thema „Ethics in Games Journalism“ hoffentlich bald so richtig ad acta legen. Ich glaube nicht, dass zwischen Publishern und Schreibern Grenzen gezogen werden müssen, die solche Geschenke ins Geheime verlagern würden; eher sollten wir Grenzen dem Lesenden gegenüber aufbrechen.

(Ja, ich weiß, mit diesem Thema bin ich Monate im Verzug. Eile mit Weile.)

#52Games ist ein Blogprojekt von Zockwork Orange, das jede Woche ein neues Thema vorgibt. Das dieswöchige Thema lautete ‚Grenzen‘.

6 Gedanken zu “#52Games – Grenzen: Review-Exemplare

  1. Pingback: Lesenswert: Review-Exemplare, PS2-Launch-Lineup, Battlefield 1, WipEout | SPIELKRITIK.com

  2. Ich denke, da muss eine Trennung vorgenommen werden. Ich bin ja im Handel tätig und bekomme auch vom einen oder anderen Lieferanten ab und zu mal ein Goodie. Das ist mal ein Wurstpaket zu Weihnachten oder eine Holzkiste, die frische Pasta aus Italien in Stroh gebettet zu meinem Schreibtisch befördert.
    Die Trennung ist hier klar definiert: Ich bin zum einen Privatperson und zum anderen Einkäufer eines Unternehmens. Ein solches Geschenk zielt eher auf die Privatperson, welche im Auftrag des Unternehmens eine Bestellung öfter mal zugunsten des Schenkenden platziert anstatt bei der Konkurrenz. Ob man da von Bestechung spricht oder es lieber als nette Geste interpretiert, ist da wohl jedem selbst überlassen. Ich habe meine Entscheidungen auch so nach wie vor vom Preis abhängig gemacht, also im Sinne der Firma.
    Zumindest halte ich es für möglich, dass ein solches Goodie für den Rezensenten ein Positiverlebnis darstellen soll, dass eine Rezension möglicherweise minimal verbessert. Frei nach dem Motto „Das Auge spielt mit“.

    Ein Spiel, für das man einen kostenlosen Key erhalten hat, sollte man in jedem Falle auch mit einem neutralen (!) Review belohnen und es auch öffentlich erwähnen, dass man den Key erhalten hat. Zum einen, um auch öffentlich seinen Dank zum Ausdruck zu bringen, zum anderen, um nicht dem Ruf des Schnorrers zu verfallen.

    Gefällt 1 Person

  3. >Ein solches Geschenk zielt eher auf die Privatperson, welche im Auftrag des Unternehmens eine Bestellung öfter mal zugunsten des Schenkenden platziert anstatt bei der Konkurrenz.<

    Gerade so wie du es – sehr treffend – formuliert hast, gibt es da eigentlich keinen Interpretationsfreiraum. Das ist ja quasi die Lehrbuchdefinition von Bestechung: Die Bedürfnisse der Privatperson ansprechen, um in späteren Transaktionen einen Vorteil zu erlangen.
    Ich weiß zwar, worauf du hinaus willst – viele Dienstleistungs-Jobs haben ja zB auch eine Art "Trinkgeld"-Grenze für Geschenke, etwa nicht mehr als eine Tafel Schokolade. Darüber ist es eben schwer, zwischen netter Geste und geplanter Beeinflussung zu unterscheiden. Rein aus deiner Erzählung klingt der Wurstkorb für mich allerdings eher schon nach zweiterem :D

    Den Dank zum Ausdruck zu bringen finde ich aber noch einen sehr guten Punkt, den du ansprichst. Es ist ja grade im Hobbybereich nicht so, dass die ausschließlich was für uns tun, sondern vor allem profitieren wir von früherem Zugang, kostenlosem Spielen o.ä. Und dafür darf man sich dann auch gerne bedanken.

    Gefällt mir

  4. Nur weils Wurst ist? :D Der Wurstkorb kommt Jahr für Jahr, obwohl ich kaum noch da bestelle. Der Lieferant ist schon sehr lang mit meiner Firma befreundet, wir sind wechselseitig Lieferant und Kunde, insofern ist es gerade in diesem Fall eher eine freundliche Geste. Bei den Nudeln bin ich mir dagegen nicht so sicher :D

    Gefällt mir

  5. Das ist leider immer ein schwieriges Thema, obgleich ich finde, dass es gerade im Zuge von Gamergate & Co. unnötig dramatisiert wurde. Letztendlich geht es hier um harmlose Unterhaltung, die in vielen Fällen auch noch relativ wenig kostet. Natürlich sollte ein Tester objektiv bleiben und ein schlechtes Werk auch entsprechend kritisieren, aber bis zu einem gewissen Grad finde ich es schon okay, dass die Publisher ihre Produkte auch ein wenig zelebrieren. Auch ein freundschaftliches Verhältnis zwischen „Kritikern“ und Entwicklern finde ich nicht verwerflich, wenn der Tester am Ende trotzdem auch den Finger in die Wunde legt.

    Letztendlich geht es ja auch ein Stück weit um Kunst, die ja ohnehin immer etwas subjektiv bewertet wird und nicht um ein klassisches Produkt mit Eigenschaften, die sich ganz objektiv vergleichen und mit gut oder schlecht bewerten lassen. Da kann man auch schon mal etwas wohlwollender formulieren, ohne dass gleich alle Betrug schreien.

    Reviews sind heutzutage sowieso nur noch dann so richtig nützlich, wenn man als Leser gezielt nach Kritikern sucht, die ähnlich „ticken“. Nur blind bei Metacritic zu schauen, ob Spiel XY gut bewertet wurde, garantiert halt noch lange nicht, dass man Spaß mit dem Spiel hat, dafür ist das Medium heute zu vielschichtig.

    Gefällt 1 Person

  6. Das ist genau der Grund, warum ich mir die größte Mühe gebe, auch bei großartigen Werken das Haar in der Suppe zu finden (so z.B. in meinem Factorio Review geschehen) und auch beim größten Schrott die positiven Eigenschaften hervorzuheben (das ist mir bisher erspart geblieben, hatte länger keinen Schrott mehr zu spielen :D ). Subjektivität darf man gerade bei Test bzw. Bewertungen nie ausblenden, da sie eine viel zu große Rolle spielt.
    Andererseits kann man auch (Talent vorausgesetzt) viel zwischen den Zeilen schreiben, also ein Review deutlich besser klingen lassen, als es eigentlich ist. Aber wofür man sich als Schreiber auch entscheidet, es ist dann immer eine sehr subjektive Entscheidung.
    Ich kann nur für mich sprechen, und da ich kein Geld mit meinem Schreiben verdiene, sondern es aus reinem Spaß an der Freude mache, fühle ich mich auch bei kostenlosen Keys oder Gimmicks nicht dazu verpflichtet, ein schlechtes Spiel oder ein an sich schönes Spiel mit einigen Problemen schönzuschreiben. Gerade letzteres habe ich wohl bei den Reviews zu The Final Station und This Is The Police bewiesen (in beiden Fällen hatte ich einen kostenlosen Key zur Verfügung gestellt bekommen) :)

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s