„Ihre einzige andere Errungenschaft“ – Das Frauenbild bei Civilization VIs Großen Persönlichkeiten

Wer hat eigentlich den Computer erfunden? Alan Turing in den frühen Vierzigern, als Vorläufer der heutigen Maschinen? Oder Charles Babbages um 1830, dessen ‚Analytical Engine‘ die streng genommen wirklich erste Rechenmaschine war? Aus historischer Romantisierung vermutlich eher ersterer. Doch Babbages Maschine war wirklich nur genau das: Ein Rechenkasten, der kalkulieren konnte. Mehr wollte Charles auch gar nicht. Seine enge Freundin und Arbeitskollegin Ada Lovelace jedoch? Sie formulierte Visionen dessen, was solche Geräte in der Zukunft einmal im Stande zu tun sein mögen und wie Menschen mit Computern als Werkzeug umgehen könnten. Heute gilt Ada als erste Programmierin. Der Analytical Engine wird dennoch Babbages zugeordnet, und die Frage nach der Erfindung des ‚Computers‘ würden die meisten Menschen, wenn nicht sogar mit Steve Jobs, dann doch eher mit Alan Turing beantworten.

So tut es zum Beispiel Sid Meier’s Civilization VI, das Spieler für besondere Leistungen auf einem Fachgebiet mit einer sogenannten Großen Persönlichkeit belohnt. Das durchzieht alle Subsysteme des Spiels: von Generälen und Admirälen für den Krieg über Propheten, Kaufmänner, Ingenieure und Wissenschaftler für unterschiedlichen Fokus auf die im Spiel verfügbaren Ressourcen bis hin zu Musikern, Malern und Autoren, deren Werke Paläste und Museen füllen. Solche Großen Peronen sind in der Regel reale Menschen, die einen wichtigen Beitrag zum Themenbereich geleistet haben, aus dem die Persönlichkeit rekrutiert wird. Für starke Kriegsleistung in der Klassik kann zum Beispiel Sun Tsu mit ins Feld ziehen. Und für herausragende wissenschaftliche Leistungen in der Moderne? Alan Turing eben, dessen besonderes Talent die Entwicklung der Computer-Technologie in Windeseile ermöglicht. Von Alan Turings maßgeblich an der Erfindung beteiligten Kollegen, allen voran der Kryptographin Joan Clarke etwa fehlt jede Spur. Ada Lovelace, die erste Programmiererin der Welt, hat es immerhin als Große Ingenieurin ins Spiel geschafft und auch sie verschafft einen Bonus auf Computerforschung. Allerdings, Turings Civilopedia-Eintrag im Spiel preist ihn als Vater des Computers:

Alan Mathison Turing is today considered the “father” of both theoretical computer science and of artificial intelligence.

Währenddessen konzentriert sich Adas Enzyklopädieseite vor allem auf zwei Dinge: Ihre Beziehung zu diversen Männern (ihrem Vater, Babbage und ihrem späteren Mann) und darauf, dass sie bis auf die Arbeit mit selbigem keinerlei Bedeutung hatte:

The only legitimate child of the poet Lord Byron (who abandoned his wife a month after the birth), Ada Lovelace began a lifelong friendship with Charles Babbage, a professor of mathematics at Cambridge, in 1833 AD, when she was but 17 years old. Their relationship seems to have been a platonic one, for they soon commenced a voluminous correspondence on mathematics, logic, and all manner of scholarly topics. In 1835 Ada married William King, ten years her senior and soon Earl of Lovelace. She would bear three children.

Her only other significant contribution to civilization resulted from her efforts as a translator for Babbage.

Das Einheitenmodell variiert Geschlecht und sogar Hautfarbe, das Porträt leider nicht.

Das Einheitenmodell variiert Geschlecht und sogar Hautfarbe, das Porträt leider nicht.

Jene Doppelmoral zieht sich durch das System; Vom ausgedehnten Pool großer Persönlichkeiten ist leider nur ein Bruchteil weiblich. Die als neutrale Informationsquelle gedachte Civilopedia – ganz dem Namen nach eine Wikipedia im Spiel mit möglichst vielen Informationen zum praktischen Nutzen, aber auch zum historischen Hintergrund jeder Einheit – scheint sich nicht besonders viel Mühe damit zu geben, Frauen und Männer als ebenbürtig darzustellen. Frauen werden dann eben auf ihre Beziehung zu Männern reduziert, wohl damit sich die männlichen Spieler – mit Sicherheit nach Meinung der Marketingabteilung immer noch Hauptzielgruppe ‚trockener‘, strategischer Spiele – auch mit ihren schwer erarbeiteten Belohnungseinheiten identifizieren können, wenn sie deren Geschlecht nicht teilen. Halb so wild, sagt der Eintrag, schau, über diesen oder jenen Mann könntest du sie vielleicht kennen. Ihr Charakterportrait ist ja sowieso männlich – alle Persönlichkeiten einer Gattung teilen sich das gleiche, und das ist eben ein Mann – also ist es bis auf den Namen doch eh gleich, welchen historischen Charakter man bekommt (Immerhin – das Einheitenmodell variiert und beinhaltet sogar teilweise farbige Personen. Da man gewöhnlicherweise aber auf maximal herausgezoomter Stufe spielt, bekommt man das kaum mit – das Porträt im User Interface dagegen schon).

Alan Turings Eintrag in der Civilopedia

Alan Turings Eintrag in der Civilopedia

Ada Lovelaces Eintrag in der Civilopedia

Ada Lovelaces Eintrag in der Civilopedia

Doch gerade da widerspricht sich Civilization VI selbst, denn in keinem Teil vorher wurde so viel Wert darauf gelegt, die einzelnen Großen Personen zu diversifizieren, jeder einzelnen Daseinsberechtigung sowohl im historischen Kontext als auch vom spielerischen Nutzen zu verschaffen.
Zurück geht das System ursprünglich auf Sid Meier’s Colonization, das Civilization-Spinoff von 1994. Die darin auftretenden Gründerväter waren noch mehrfach rekrutierbar, auch von unterschiedlichen Parteien gleichzeitig. Im 2008 erschienenen Standalone-Addon zu Civilization IV, ebenfalls mit Namen und Thema Colonization, wurde dieser Punkt korrigiert; Wer einen bestimmten Gründervater (unter diesen Namen fielen auch die wenigen Frauen, etwa Pocahontas) bekommen wollte, musste ihn sich vor den eigenen Rivalen verdienen.
Sid Meier’s Civilization V führte zum ersten Mal den Begriff Große Person ein, ging jedoch in Sachen Diversität einen riesigen Schritt zurück und machte alle Personen einer Gattung gleich. Es unterschieden sich zwar Namen, aber alle hatten den gleichen Effekt innerhalb ihrer Klasse. Das führte zu Vergessbarkeit; lediglich die Namen der Schriftsteller, Musiker und Maler merkte man sich vielleicht, da denen immerhin die korrekten Werke zugeordnet waren.
Civilization VI dagegen legt wie erwähnt großen Wert auf die unterschiedlichen Merkmale der historischen Persönlichkeiten. Die ihnen zugeordneten Fähigkeiten orientieren sich immerhin lose an ihrem realen Themenfeld. So sorgt Carl Sagan für Fortschritte in der Weltraumforschung und Levi Strauss versorgt die Bevölkerung mit einzigartigen Jeanshosen. Doch durch die Darstellung der weiblichen Großen Personen untergräbt Civilization VI dann wieder den inklusiven, weltoffenen Eindruck, den es durch den Einbau von Architektinnen wie Jane Drew oder Okönominnen wie Helena Rubinstein (der ‚Erfinderin‘ kommerzieller Schönheitsprodukte) zu gewinnen versucht.

Warum hat es Hildegard von Bingen ins Spiel geschafft, Marie Curie aber nicht?

Warum hat es Hildegard von Bingen ins Spiel geschafft, Marie Curie aber nicht?

Dafür hat es dann immerhin Hildegard von Bingen irgendwie in die Riege der Großen Wissenschaftler gebracht. Hildegard, die für ihre mystischen Lehren und ihren klösterlichen Universalunterricht heilig gesprochen wurde und heute vor allem der Esoterik-Ecke als Rollenmodell gilt.
Es lässt sich natürlich argumentieren, dass Geschichte nicht aus heutiger Perspektive bewertet werden soll. Was zu einer anderen Zeit als wichtig erachtet wurde, kann heute völlig belanglos sein und das damalige Zeitgefühl dennoch nachhaltig geprägt haben. So auch etwa mit Hildegard; nur weil wir heute wissen, dass Mystik so gar nichts mit Wissenschaft zu tun hat, verleugnet das nicht, dass diese Begriffe damals teilweise sogar synonym zueinander stehen konnten.
Dennoch ist es bemerkenswert, dass die meisten Wissenschaftler in Civilization einen ganz wesentlichen Beitrag oder Vorlauf zum heutigen Stand des Wissens lieferten. Die Auswirkungen von Galileos, Einsteins oder eben (trotz obiger Kritik) Turings Handeln auf die Welt von heute müssen wohl kaum einem explizit erklärt werden. Auffällig, dass es sich bei diesen ‚Selbstverständlichen‘ immer um Männer handelt – warum etwa durfte nicht Marie Curie neben Einstein den Zeitstrahl voranbringen? Auch sie würde problemlos in die Riege der Großen Persönlichkeiten passen.
Dass Civilization VI nicht nur ein Problem bei der Darstellung von Frauen, sondern auch von ethnischen Gruppen und kolonisierten Staaten hat, habe ich schon in meiner Review zum Spiel festgestellt und kritisiert. Und dass die Einstellung, historische Erfolge stünden hauptsächlich Männern zu, tiefer verwurzelt ist als nur in Spielen, dazu hat der Astronom Florian Freistetter übrigens gerade erst einen Text über die Entdeckung der Plattentektonik geschrieben. Alfred Wegener ist uns fast allen ein Begriff, die darin behandelte Marie Tharp vermutlich allerdings nicht.

The Curious Expedition

Charakterauswahl in The Curious Expedition

Um ein Spiel zu nennen, das es besser macht, sei The Curious Expedition (zu dem ich einen sehr begeisterten Text schrieb) erwähnt. Darin ziehen unterschiedliche Entdecker zur Erforschung der neuen Welt aus – wobei ‚Entdecker‘ ein sehr weit aufgefasster Begriff bleibt. Nikola Tesla etwa darf ebenso an der Jagd auf die Städte aus Gold teilnehmen wie Amelia Earhart – oder eben auch Marie Curie. Dass hier die Geschlechterverteilung deutlich ausgeglichener ausfällt, zeugt nicht nur von der weltoffenen Vernunft des deutschen Entwicklers Maschinen-Mensch, es macht auch Spaß. Denn dem notorisch rassistischen Howard Phillips Lovecraft mit der Union Army-Spionin Harriet Tubman eins auszuwischen fühlt sich nicht nur auf einer Ebene ganz ausgezeichnet an.

Ein Gedanke zu “„Ihre einzige andere Errungenschaft“ – Das Frauenbild bei Civilization VIs Großen Persönlichkeiten

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