Lassen Sie mich durch, ich bin Experte!

Verdammt, ich hab es schon wieder getan.


Wider besseren Wissens habe ich heute erneut den Fehler begangen, mir die Meinung von für mich völlig irrelevanten Menschen durchzulesen, die ihren geistigen Sondermüll in der Kommentarspalte eines Artikels im Netz abladen durften. Nun ist das ja prinzipiell kein Problem, schließlich hat in diesem Land natürlich jeder das Recht, sich frei zu äußern. Darauf ein Prosit! Da in diesem Land allerdings auch unter jedem Menschen, der im TV etwas zum Besten geben darf, der Begriff „Experte“ eingeblendet wird (wie zur Hölle wird man eigentlich Experte!?), hat man nicht das Gefühl, unbedingt jede Meinung hören bzw. lesen zu müssen. Vor allem dann nicht, wenn man sich die Meinungen dieser scheinbar oft selbsternannten Experten des Öfteren zu Gemüte führt und genauer darüber nachdenkt und sich auch noch jeder Hinz und Kunz im Internet inkognito als Experte ausgibt oder sich für einen solchen hält.

Schlimmer als die Meinungen dieser Expertendarsteller, die meist entweder nur auf das Offensichtliche verweisen (Thanks, Captain Obvious!) oder völlig aus der Luft gegriffene Prognosen abgeben, die gefühlt einfach NIE zutreffen, sind eigentlich nur die Kommentare von Foristen auf einschlägigen Seiten des Netzes, von denen ein Großteil offensichtlich der Meinung ist, er habe einen Weg gefunden, 1 durch 0 zu teilen und somit den alleinigen Anspruch auf DIE Wahrheit. Nur wenige Seiten im Web bieten eine diskutierende Community, die sich auf der Basis fundierten Wissens auf sachlicher Ebene über das gemeinsame Thema unterhält. Bis auf eine einzige Seite, die ich regelmäßig besuche, versuche ich die Kommentarspalten zu meiden. Und ironischerweise ist diese Seite ein FC Bayern Fanblog. Genau in diesem Soziotop derer, die von der Gesellschaft in der Regel nicht gerade für besonders intellektuell gehalten werden, habe ich bisher exklusiv eine blühende, kultivierte Diskussionskultur entdecken dürfen. Bemerkenswert. Oder bewege ich mich sonst einfach nur im falschen Teil des Internets? Wer weiß. Aber bevor ich mich weiter über die nichtargumentative Art und Weise aufrege, mit der sich Menschen mit offensichtlich größtmöglichem Mitteilungsbedürfnis bei gleichzeitiger Abwesenheit von fundierten und zusammenhängenden Gedankengängen in öffentlichen Foren bewegen, muss ich noch auf einen anderen Punkt eingehen, den ich nicht in der Kommentarspalte, sondern im Artikel selbst gefunden habe. Mein eigentliches Thema also.

Markus Böhm hat einen Artikel über die Zukunft des Gamings auf SPON verfasst und fünf Thesen dazu aufgestellt. Wie es halt so ist, wenn man über die Zukunft spricht: Vieles kann man nicht mit Sicherheit vorhersagen, sondern muss man aufgrund von gemachten Erfahrungen und laufenden Entwicklungen auf dem Markt schätzen. Zum Glück haben wir dafür ja Experten, höhö. Im Artikel steht viel Stimmiges und Erwartbares, gepaart mit ein bisschen Kaffeesatzleserei (siehe oben), soweit ja okay. Dass der Autor des Textes behauptet, dass man Counter-Strike oder Fifa im Gegensatz zu VR-Spielen „nebenbei“ (also ohne volle Aufmerksamkeit) spielen könne, zeugt nun auch nicht gerade von großer Sachkenntnis des Autors, da er aber hauptberuflich Journalist und nicht Profizocker ist, sei ihm auch das verziehen. Aber an der Einschätzung, dass es in Zukunft die Spiele schwerer hätten, die einen reinen Singleplayer-Modus bieten, bin ich dann kleben geblieben. Wenn es tatsächlich so kommen sollte, dann machen die Spieleentwickler bzw. Publisher einen großen Fehler. Ich sehe es im eigenen Umfeld, wie schlecht sich Multiplayerspiele in den Alltag integrieren lassen, vor allem dann, wenn eine Partie eben nicht wie bei Counter-Strike in ein paar Minuten durch ist, sondern wie bei Civilization auch gut und gerne mal 20 bis 30 Stunden ins Land ziehen, bis der Sieger der Partie gekürt ist. Will man mit Freunden spielen, ist die große Herausforderung, alle unter einen Hut zu bekommen. Einer ist Student, einer muss früh ins Bett, einer ist Schüler und einer Single, aber extrem viel draußen unterwegs. Selbst wenn man dann einen Termin findet und ein paar Stunden zusammen spielt, geht der Frust spätestens dann weiter, wenn die Frage nach dem Termin für die Fortsetzung der Partie geht. Spätestens hier zieht auch das Argument nicht mehr, dass man stattdessen ja auch mit irgendwelchen Leuten aus dem Internet spielen könne. Das habe ich mangels Mitspielern aus dem eigenen Bekanntenkreis mal mit Anno 1404 versucht. Das Ergebnis waren gut zehn angefangene Partien, die nie über die Anfangsphase hinaus kamen, da mindestens ein Spieler nach spätestens 2 Stunden „was erledigen“ musste und von da an nie wieder gesehen wurde. Alternativ kann ich auch Erfahrungen aus meinen Versuchen anbieten, Command & Conquer: Tiberium Wars mit mir Unbekannten aus dem Netz zu spielen. Hier sind die Partien in der Regel zwar naturgemäß deutlich schneller beendet als bei Anno 1404, aber auch hier habe ich nach nur etwa zehn Partien das Handtuch geworfen. Denn ich habe kein Problem, wenn ich mit einem Freund ein Spiel spiele und er es besser beherrscht. Aber wenn ich von anonymen Gegnern regelrecht vorgeführt werde, dabei aber nicht einmal die Komponente habe, die ich am Multiplayer am meisten schätze, nämlich die Kommunikation mit den anderen Spielern, raubt mir das doch den längerfristigen Spaß am Spiel. Alternativ bleibt dann noch die Möglichkeit, bei Coop-Spielen wie Factorio einen Multiplayerserver aufzusetzen und jeder aus der Gruppe spielt dann, wenn er die Zeit dazu findet. An dieser Stelle finde ich dann aber schade, dass mancher Spieler dadurch große Teile des Fortschritts der Fabrik dadurch verpasst, und gerade bei Factorio ist der Weg das Ziel und das gemeinsame Erleben des Erfolgs zumindest für mich das schönste Gefühl. Also nicht falsch verstehen: Ich bin wirklich ein Freund von Multiplayerspielen. Aber was hilfts mir, wenn ich nicht die passenden Mitspieler habe, die dann Zeit haben, wenn ich auch Zeit habe?

Überhaupt sind Spiele mit Multiplayermodus in der Regel wahre Zeitfresser. Das wurde mir vor allem in der Zeit bewusst, in der ich vor einigen Jahren nahezu täglich mehrere Stunden vor dem Rechner verbracht habe, um Minecraft zu spielen. Ein paar verschiedene Server musste ich ausprobieren, aber als ich einmal den richtigen gefunden hatte, war die dort errichtete Zwergenstadt wie eine zweite Heimat für mich und hat mich viele hundert Stunden gefesselt. Auch das Thema MMO bin ich mit The Elder Scrolls Online angegangen, aber auf mich wirkte dies nur wie ein schlechteres Skyrim, bei dem mir viele Menschen vor der Fratze rumlaufen und für mich verwirrende Dinge taten. Und wieder keinerlei Kommunikation. Nicht meine Welt.

Was also soll die Motivation sein, die Singleplayerspiele einzustampfen? Es gibt genügend Gründe, es nicht zu tun. Ganz davon abgesehen, dass man für Multiplayerspiele immer die passenden Mitspieler braucht, ist es oftmals auch ganz entspannend, wenn man mal ganz auf sich allein gestellt ein paar Stunden ins Land ziehen lassen kann, ohne von jemand anderem abhängig zu sein. Spontan mal eine Partie Banished? Oder eine Runde Fifa gegen die KI? Gern! Und vor allem bei Spielen, die sich neben ihrem Gameplay auch durch ihre Story auszeichnen (z.B. Mass Effect, Tomb Raider oder Far Cry), übt der Singleplayermodus durchaus einen starken Reiz aus. Die Möglichkeit, wie bei Far Cry 4 im Coop oder bei Mass Effect 3 gegeneinander zu spielen, sehe ich vor allem als Bonus zum eigentlichen Spiel. Denn für das, was diese Modi bieten, gibt es eigentlich genügend andere Spiele auf dem Markt, die in dieser Disziplin ihre Stärken haben. Unterm Strich braucht es also meiner Meinung nach beides: Singleplayer- und Multiplayerspiele, oder eben Hybriden wie etwa die Fifa-Reihe. Wie so oft im Leben: Der Mix machts.

Immerhin kann ich dem Autor des Textes in diesem Punkt keinen groben Unsinn vorwerfen. Ganz unrealistisch ist die Vision ja (leider) nicht. Zumindest in der Theorie ewig erweiterbare Spiele wie World of Warcraft oder League of Legends sind wohl auch Vorbilder dafür, dass man dem gemeinen Zocker das Geld am besten mit langfristig angelegten Multiplayerspielen aus der Tasche ziehen kann. Der Trend, dass statt des klassischen Einmalkaufs eher auf Free2Play oder einen günstigen Einstiegspreis mit anschließenden Mikrotransaktionen innerhalb des Spiels gesetzt wird, ist noch kein großes Problem, aber dennoch schon zu fortgeschritten um ihn zu ignorieren. Hier liegt meine Hoffnung auch zu einem großen Teil auf den Schultern der Indieentwickler, die nicht unbedingt dem Druck der großen Publisher unterworfen sind. Dennoch melde ich leise Bedenken an, dass man in storybasierten Multiplayerspielen eine ähnliche Immersion erleben kann wie in so manchem, erzählerisch einfach starken Alleingang. Nur um mal ein Beispiel zu nennen: Bioshock Infinite. Kann mir keiner erzählen, dass bei ihm Stimmung aufkommt, wenn da 50 mal Booker DeWitt rumläuft.

Auch wenn das jetzt an meinem eigentlichen Thema vorbeigeht und eigentlich nur noch ein Rant ist, muss ich einfach nochmal auf die lieben Foristen zurückkommen. Auch eine andere These aus dem genannten Artikel halte ich für realistisch, nämlich die, dass höchstwahrscheinlich klassischen Konsolen vom Markt verschwinden werden, da entweder mehr über das Outsourcen der Hardware inklusive anschließendem Streaming ins heimische Wohnzimmer (Stichworte Cloud und Gaming-Netflix) laufen wird, oder da Smart TVs diese Arbeit, ähnlich wie schon beim digitalen Receiver, künftig übernehmen werden. Dass eine dieser beiden Möglichkeiten eintrifft oder sogar beide Realität werden, halte ich nicht für unwahrscheinlich. Ich verliere aber dann doch die Fassung, wenn ich in den Kommentaren Folgendes lesen muss:

„Gaming am Fernseher ist Blödsinn. Wer sich ein wenig mit Fernsehern beschäftigt hat, wird wissen, dass selbst die aktuellsten Topmodelle für 8000 Euro Hardware enthalten, die nicht mal mit einem 200 Euro Smartphone mithalten können.“

Großartige Argumentation! Ich habe in der realen Welt leider schon genug mit unsinniger Argumentation zu tun, aber bei diesem Kommentar haben sich meine beiden Gesichtshälften einen Kampf zwischen Aggression und Lachkrampf geliefert. Wenn es  schon jetzt möglich ist, Spiele auf Smartphones mit Mehrkernprozessoren für wenige hundert Euro laufen zu lassen, worin soll dann die Schwierigkeit bestehen, den Fernseher entsprechend aufzurüsten, aufgrund des Formfaktors sehr wahrscheinlich sogar günstiger? Zu einer Zeit, zu der es auch Sinn macht? Zusammenhänge zu begreifen scheint nicht jedermanns Sache zu sein.

Hach. Manchmal geht es einem einfach besser, wenn man sich mal etwas Luft gemacht hat. Danke, dass ich mich mal kurz auf eure Couch legen durfte.

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