Welches Jahr haben wir?

Meine Güte, so alt bin ich doch nun auch wieder nicht. Oder doch? Man sagt ja gern, dass man nur so alt ist, wie man sich fühlt. Dass ich demnach auf der Ebene des Humors eben erst der Krabbelgruppe entwachsen bin, dürfte den meisten Leuten, die mich länger als zwei Minuten kennen, klar sein. Zumindest reicht schon ein klassisches Furzkissen aus, um mir minutenlang Lachtränen in die Augenwinkel zu zaubern. Aber wenn man den Videospielemarkt ein bisschen im Blick behält, fällt schon eine gewisse Tendenz auf. Eine Tendenz, die wie gemacht ist für Menschen wie mich, deren inneres Spielkind einfach nicht erwachsen werden will.

Kindheitserinnerungen

Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den Tag: Wir wollten zu einem befreundeten Pärchen, dort beim Tapezieren helfen. Wobei „wollten“ eigentlich gelogen ist, ich wollte ganz und gar nicht. Doch dieser Tag sollte für mich trotzdem in Glückseligkeit enden, denn bei diesem Besuch (bei dem ich mich übrigens vollends vor dem Tapezieren drücken konnte), bot sich mir die Möglichkeit, den Super Mario Maker auf der Nintendo Wii U auszuprobieren. Meine neueste Konsole bis dato war das N64, ich war eigentlich komplett auf den PC umgestiegen und hatte nicht vor, mich nochmal mit Konsolen auseinanderzusetzen, schließlich hatte ich ja eine stolze Sammlung aus acht Konsolenklassikern zu Hause. Aber der Mario Maker hat einen kleinen Kindheitstraum in greifbare Nähe gerückt: Baue deine eigenen Level, spiele die Kreationen von anderen Hobbyleveldesignern und kreiere sogar ganz neue Herausforderungen, die in den Originalspielen so gar nicht möglich waren. Kurz: Der feuchte Traum eines Mario Fans. Ich war teilweise gar nicht mehr ansprechbar, da mich dieses Spiel völlig fasziniert hat, von der ersten Sekunde an. So sehr, dass ich mir im Prinzip nur wegen dieses einen Spiels die Wii U gekauft habe.

Etwa zur gleichen Zeit rief mich ein Freund total aufgeregt an und erzählte mir von Nintendos NES Classic Mini, dem Remake des Klassikers mit fest installierten Spielen, das auch an heutigen Fernsehern angeschlossen funktioniert. Dieses Jahr wurde dann der gleiche Spaß mit dem SNES Classic Mini angekündigt, was aufgrund des Hypes und des Verkaufserfolgs auch irgendwie zu erwarten war. Prinzipiell wäre ich auch der perfekte Kunde für diese Gerätschaften, wenn ich nicht sowieso die beiden Originalkonsolen samt Spielesammlung und passendem Röhrenfernseher mein eigen nennen würde.

2017 hielt dann noch weitere Retroüberraschungen für mich bereit. Nicht nur, dass Pascal mir von der Ataribox erzählte, die den Neuauflagen von Nintendo nacheifert: Auch im Bereich der Software entdeckte ich dieses Jahr Produkte, die den alten Legenden Tribut zollen. So gibt es mit Runiya ein an die RPG Maker Reihe erinnerndes Programm, das sich sehr an den NES Teilen von Zelda orientiert und das Erstellen eines eigenen Rollenspiels im Zelda-Style ermöglicht. Und seit ein paar Tagen ist der Mega Maker auf dem Markt, ein Leveleditor für meinen früheren Videospielhelden Mega Man, mit dem man stilechte Levels wie damals auf dem NES im Handumdrehen bauen kann. Und die in der Regel genauso bockschwer wie die Originalspiele sind.

Altbewährtes im Recyclingprozess

Wieso funktioniert es so ausgesprochen gut, Liebgewonnenes aus der Vergangenheit zu recyceln und wiederaufleben zu lassen? Ich bin bekennender Anhänger des wortgewaltigen Kabarettisten Jochen Malmsheimer, der in einem seiner bekanntesten Stücke namens „Wurstbrot“ als Reaktion auf das ihm verhasste Mantra „Früher war alles besser“ antwortete:

„Nichts war früher besser, das stimmt nicht! Das ist ein Quadratunsinn! (…) Aber: Es gab Sachen, die waren früher gut. Und sie wären es auch heute noch, wenn man die Finger davon gelassen hätte!“

Und eigentlich stimme ich ihm da auch liebend gerne zu. Gerade bei der Wiederbelebung der Anfangszeiten der Videospielwelt aber, die in meinem Fall ein Stück Kindheit ins Jetzt befördert, kann ich diese These allerdings nicht unterstützen. Ich beobachte mit großer Begeisterung die Renaissance der klassischen Videospiele, in 16bit Farbqualität und 2D. Gerade in der Indiebranche zeigt sich, dass es dem damaligen Qualitätsstandard ebenso wenig dauerhaft an den Kragen geht wie es der Musikrichtung „Techno“ lange vorhergesagt wurde. Wer sich ein wenig mit Musik beschäftigt, wird feststellen, dass die elektronische Musik, die meist nur fälschlicherweise mit dem Ersatzbegriff Techno bezeichnet wurde, obwohl dieser nur eine Unterkategorie darstellt, nie lebendiger war als heute. Von wegen „Techno ist tot“. Ein Spiel wie Terraria etwa, das grafisch etwa in der Ära des SNES liegen dürfte, zeigt, dass man durchaus auch heute ein großartiges Spiel erschaffen kann, ohne dabei die Vorzüge der damals technisch bedingten Limitierung beiseite zu schaffen. Terraria in 3D wäre halt irgendwie nicht Terraria. Auch musikalisch wird in vielen Spielen gerne in die 8bit-Trickkiste gegriffen. Oft werden derartige Produktionen als minderwertig abgestempelt. Das mag auch in einigen Fällen zutreffend sein. Aber aus einer Zeit, in der man mangels besserer Technik statt auf wuchtige Grafik sehr viel mehr Wert auf Spielspaß gelegt hat, ja legen musste, genau diesen Spirit mitzunehmen, kann so falsch nicht sein.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr beginne ich zu begreifen, dass die Videospiele nun angekommen sind. Dass ihnen nun das gleiche Phänomen zuteilwird, das auch schon in der Mode und der Musik zu beobachten ist. Nämlich dass die guten Sachen immer wiederkommen, wenn auch in veränderter Form. Das muss nicht immer eine Änderung zum Guten sein, bietet aber enormes Potenzial. Insofern bin ich gespannt, wie viel der Technik aus den 80er und 90er Jahren wir noch künftig in Neuauflagen erleben dürfen. Retro lives!

7 Gedanken zu “Welches Jahr haben wir?

  1. „Videospiele sind angekommen“ ist ein schöner Satz. Tatsächlich scheint es so zu sein, dass man mittlerweile über Games ebenso differenziert sprechen kann und darf, wie über Filme oder gar Bücher. Dabei wird das interaktive Medium oft mit den etablierten Medien verglichen. Dieser Fehler wird immer wieder gemacht. Sogar erstaunlich oft im Kulturwesen. Videospiele sind aber im Kern immer schon anders gewesen als andere Medien. Natürlich subsumieren Spiele andere Medien und Kunstformen. Aber sie kopieren sie nicht.
    Neulich war ich in Hamburg in der Ausstellung „Game Masters“. Neben der Auswahl an Spielen waren für mich dort die Video-Interviews der Autoren und Entwickler von Spielen wie „Ico“ oder „Black & White“ das Interessanteste. Wenn man den Ausführungen der Interviewten zuhört, wird einem klar, wie grundlegend Videospiele in der Unterhaltungskultur ansetzten. Und wie sehr sie sich entwickeln.
    „Retro“ ist daher für mich lediglich ein Ausdruck, die kulturelle Linearität der Spielentwicklung zusammenzufassen. Retro bedeutet nichts weiter, als dass vergangene Spiele in einer Tradition zum gesamten Entwicklungsprozess von Videospielen stehen.
    Vielen Dank für Deinen Artikel!

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  2. Hallo Andre,
    danke für deine Rückmeldung und deine positive Resonanz!
    Ganz teile ich deine Beobachtungen allerdings nicht. Im eigenen Umfeld bekomme ich durchaus mit, dass immer noch Leute, die ihre Abende vor dem TV verbringen und sich da berieseln lassen, sich negativ oder abfällig über „Zocker“ äußern, weil die ja angeblich nichts aus ihrem Leben machen. Kommentare wie „wie kommst du damit klar, dass dein Freund ein Zocker ist?“ oder „macht der überhaupt noch was anderes?“ gegenüber meiner Freundin sind leider nach wie vor keine Seltenheit, selbst bei sonst recht weltoffenen Menschen, die in der Regel auch eher liberal als konservativ Denken. Darauf angesprochen, was den TV zum „besseren“ Medium macht, werden die Argumente meist sehr dünn, aber das zeigt, dass die Videospielwelt zwar angekommen, aber noch nicht vollständig akzeptiert ist. Aber ich bin guter Dinge, dass wir da noch hinkommen.
    Mit „Retro“ wollte ich im Endeffekt nur zum Ausdruck bringen, dass Videospiele mittlerweile so im Alltag gefestigt sind, dass es schon eine erste Welle von Revivals gibt. Das ist in der Regel nur bei erfolgreichen Dingen zu beobachten, insofern war mir die Erwähnung dieses Begriffes doch wichtig.

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    • Bestimmt hängt es vom sozialen Umfeld ab, welche Reaktionen man auf’s „Zocken“ bekommt. Und Du hast sicher recht: die Vorurteile sind noch immer da und Menschen die wenig bis gar keine Affinität zum Videospielen haben, mögen ggf. zu herablassenden Äußerungen neigen. In meinem Umfeld höre ich so etwas so gut wie gar nicht mehr. Aber vermutlich befinde ich mich auch in einer eingeschränkten sozialen Struktur, in der Games sehr anerkannt und etabliert sind.

      Den Begriff „Retro“ zu definieren ist schwierig. Wir haben neulich eine Diskussion darüber auf meinem Blog VSG darüber geführt. Du kannst sie hier: http://www.videospielgeschichten.de/wann-setzt-das-retro-gefuehl-ein/ nachlesen. Ich denke als kleinster Nenner, kann man festhalten, das der Begriff immer subjektiv belegt ist. Es gibt eben keine universelle Definition. Die Medien neigen dazu den Begriff zu kategorisieren. Aber Retro ist eben für jeden anders und gewissermaßen organisch. Und hier kann ich Dir wieder absolut recht geben. Retro lives! ;)

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      • Ich tu mich immer etwas schwer mit Dingen, die als „subjektiv“ bezeichnet werden. Darum will ich das eigentlich nicht so stehen lassen ;) Der Begriff Retro im sprachwissenschaftlichen Sinne ist eigentlich schon recht eindeutig definiert:

        Forscht man etwas nach, kommt man letzten Endes (wie so oft) im lateinischen Vokabular raus. Hier bedeutet das Wort retro soviel wie „zurück“ oder „rückwärts“. Doch auch im Deutschen gibt es laut Duden eine eindeutige Definition für den Begriff retro:
        „[bewusste] Nachahmung von Elementen früherer Stilrichtungen in Musik, Design o. Ä.“

        Das trifft auch ziemlich gut meine Einstellung dazu und eben auch das, was ich im Text oben beschrieben habe, schlägt in diese Kerbe.

        Wenn man die subjektive Komponente noch einbeziehen möchte (= ab wann ist es für mich persönlich gefühlt retro?), sollte man vielleicht stattdessen den Begriff „nostalgisch“ verwenden. Der ist zwar auch klar definiert („sehnsuchtsvolle Hinwendung zu vergangenen Gegenständen oder Praktiken“), aber inhaltlich definitiv subjektiv auslegbar. :)

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  3. Ich mag den Begriff „Nostalgie“ nicht besonders. Er klingt für mich immer nach emotionaler Verklärung. Wenn wir aber rückblickend über Videospiele schreiben und dabei auch viele (bsp. zeitgeschichtliche) Fakten einfliessen lassen, passt der Begriff für mich nicht. Es geht nicht im Schwerpunkt um Sehnsucht. Es geht um Erhaltung und Bewahrung, die sehr sachlich sein kann.

    Insofern bleibe ich dabei: „retro“ hat für mich auch eine subjektive Komponente. Im Kontext zu „was ist für mich persönlich retro?“: bei mir sind es vielleicht 8-bit Technologien oder Spiele, beim nächsten 16-bit usw. Der Blick zurück kommt eben bei jedem aus einer persönlichen Perspektive. Würde ich den Begriff „alte Spiele“ verwenden, wäre das genau so unscharf. Ab wann ist für Dich bsp. ein Spiel alt? Präzise ist der die Duden-Definition von „Retro“ ja auch nicht wirklich.

    Je mehr ich drüber nachdenke: ich mag eigentlich weder Nostalgie noch Retro als Begriff ;)

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    • Die Definition ist schon recht präzise. Natürlich gibt sie kein Datum vor. Aber einen Zeitpunkt, nämlich den Zeitpunkt der Wiederkehr von bereits Vorhandenem. Am Beispiel Mega Maker: Der ist retro, da mit ihm das bereits in den 90ern existente Mega Man eine Renaissance erlebt. Mega Man war damals existent und der Mega Maker ist heute existent, unabhängig davon, wie du beides erlebt hast, insofern ist an der Stelle Subjektivität gar keine relevante Kategorie.
      Beim Begriff „alte Spiele“ gebe ich dir aber vollkommen recht, der ist absolut schwammig und (da ist es wieder) subjektiv. Aber auch kein guter Vergleich, da „alte Spiele“ die Bezeichung für das Original (Mega Man) ist und „retro“ die neue Variante (Mega Maker) beschreibt.
      Die Frage „was ist für mich persönlich retro?“ ist, geht man von „retro“ als klar definiertem Begriff aus, in meinen Augen nicht zulässig. 2+2 ist ja nunmal 4, da kann man ja nicht damit argumentieren, dass subjektiv 2+2=5 gilt. :)

      Wenn du „Nostalgie“ nicht magst, dann wäre wohl eine Kombination aus retro und nostalgisch deine Wahl. Retro, wenn du über die geschichtlichen Fakten schreibst. Und nostalgisch, wenn du emotional zurückblickst. Für mich, der in den frühen 90ern Tage und Nächte vor dem NES verbracht hat, ist eine Neuauflage des Atari „nur“ retro, aber nicht nostalgisch. Das NES Classic Mini hingegen ist beides.

      Und je mehr wir darüber schreiben, habe ich das Gefühl, dass du beide Wörter nicht magst, weil du dich nicht auf eine fixe Definition festlegen möchtest/kannst. Kann das sein? :)

      Danke übrigens für die angeregte, sehr interessante Diskussion :)

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