Unaufhaltsamer Zerfall

Wenn man sich so gerne mit kleinen, unbekannten Spielen beschäftigt, wie man das als Blogger über Indiegames tun sollte, dann stößt man irgendwann unweigerlich auf Legend of Silence. Der beinahe komplett vergessene kleine Plattformer für das NES spielt mit so ungewöhnlichen, bedrückenden Mechaniken, dass er schon zu seiner Zeit völlig verloren gegangen zu sein scheint.

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Die Reise von Legend of Silence’s Protagonisten Alicia beginnt im Thronsaal ihres eigenen Königreiches. Auf der Suche nach ihrer eigenen Erlösung im Nirvana beginnt Alicia eine Heldenreise, in deren ersten Schritt sie sich zunächst ihrer Herrschaftsinsignien entledigen muss. Erst mit Ablegen der Krone öffnet sich der Ausgang und schließt sich danach für immer.

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Zunächst spielt sich Legend of Silence wie ein klassischer 2D Action-Plattformer, nicht unähnlich dem berüchtigten The Legend of Zelda II. Alicia besitzt ein Schwert und eine Schusswaffe, und dank ihrer Adlerflügel kann sie gleiten und hohe Sprünge ausführen. Klassische Gegner wie Schleime und Fledermäuse machen Alicia schon zu Anfang wenig Angst, doch jeder Spieler weiß, dass es dabei nicht bleibt. Es gilt, Bossmonster zu besiegen, um ihre bewachten Schätze einzuheimsen, damit Alicia auf ihrer Reise zum Nirvana entsprechend gerüstet ist. Doch diese Bosse müssen erst einmal gefunden werden.
Die Welt von Legend of Silence ist kein klassisches Fantasie-Universum. Schon die Kombination aus Alicias Flügeln mit ihrer Pistole macht das klar. Dem von Rittern bewachten mittelalterlichen Thronsaal folgt bald darauf eine dollargefüllte Bankhalle des Kommerzes. Ein anderer Teil der Welt besteht aus vollgeschleimten Tunnels, in denen sich (deutlich eher fantasytypisch) ein widerlicher Wurmendgegner tummelt. Heute würde man Legend of Silence wohl als Metroidvania bezeichnen. Gewisse Türen öffnen sich erst, wenn Alicia die Eigenschaften bestimmter Gegenstände ihr Eigen nennt. Gleichzeitig schließen sich jedoch auch Pfade hinter Alicia, nachdem sie die dort aufgehobenen Gegenstände eingesetzt hat.
Denn das besondere an Legend of Silence’s 2D-Action Metroidvania Platforming ist: Alicia wird nicht mit jedem eingesammelten Upgrade stärker. Sie verstümmelt sich, sie stirbt. Tritt sie in die Stahlstiefel am Gipfel des zentralen Turms der Klage, so kann sie ihre Flügel nicht mehr nutzen. Nie wieder. Der Weg nach Nirvana ist keine Metapher – Alicia sucht den Tod, das Vergehen im Nichts, als Nichts. Als Niemand. Und das muss sie sich verdienen.

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Mit fortschreitendem Spiel lernt Alicia mehr von der Welt kennen, verbaut sich jedoch gleichzeitig den Weg in alte Gebiete. Tötet sie den Wurm am Ende der Kanalisation, so zerschlägt sie als Belohnung ihre Klinge an Arthus‘ Schwertstein, woraufhin der Palast, ihr eigenes Heim, zum kaum mehr durchdringbaren Monsterhort wird. Ohne Flügel werden Sprungpassagen zur Qual – Kämpfen wird unumgänglich, oft zum einzigen Weg, und doch ebenso wenig ansprechend dank der gesplitterten Klinge. Das Sterben muss sich Alicia teuer erkämpfen – Vergänglichkeit ist keine Gegebenheit in der Welt von Legend of Silence, sondern die ultimative Belohnung. Bis dahin steht unendliche Qual auf dem Programm. Nicht nur für Alicia, deren Körper mehr und mehr unter der Last ihrer Reise zerbricht, sondern auch für den Spieler, der mit immer weniger und weniger Möglichkeiten auskommen muss. Bevor Alicia in das erlösende Loch in der Decke des Thronsaals fallen darf, blind und gebeugt durch Scheuklappen und Bleigewichte, und ihr Nirvana im Zerschellen aller Knochen auf dem steinernen Boden finden darf, muss der Spieler seine eigene, frustgefüllte Reise durch Legend of Silence zunächst überstehen. Die wenigsten Menschen dürften sich diesen Spießrutenlauf freiwillig antun. Vielleicht redet auch deswegen einfach niemand gerne über die arme Alicia und ihre Legende.

Legend of Silence ist ein fiktives NES-Spiel, das sich Mike Neginnis für seine Kurzgeschichte Navigators ausgedacht hat. Die ‚Screenshots‘ sind von Dave Wells gezeichnete Interpretationen der Geschichte. Navigators erkundet das Leben einer von Armut geprägten Vater-Sohn-Beziehung anhand des gemeinsamen Spielens von Legend of Silence.
Die Kurzgeschichte ist Teil der Continue?-Anthologie von Boss Fight Books und Ausgabe 12 des Hobbart-Magazins.

2 Gedanken zu “Unaufhaltsamer Zerfall

    • Da gebe ich dir recht, sehr gerne würde ich ein Spiel in dieser Art spielen!
      Ein wenig hat mich Legend of Silence dabei übrigens an Superbrothers: Sword & Sworcery erinnert: http://store.steampowered.com/app/628770/
      Die Protagonistin darin wird schwächer, je mehr Questgegenstände sie aufsammelt. Das drückt sich dort allerdings nur in verringerten Lebenspunkten aus, die die nachfolgenden Kämpfe schwieriger machen. Solche weitreichenden Folgen wie in LoS mit veränderter Spielersicht und eingeschränkter Bewegung kenne ich leider aus keinem realen Spiel.

      Gefällt 1 Person

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