Inferno

Das Eingangsszenario von Hellblade befördert Senua in eine grauenhafte Parallelversion von Dante Alighieris Comedia: Verzweiflung ob des Tods ihres Geliebten Dillion treibt sie in die nordische Unterwelt, um dessen Seele aus den Fängen der Totengöttin Hel zu befreien. Mit dem Boot begibt sie sich vor die Tore der physisch manifestierten Hölle, wo sie ganz wie Dante im Limbo auf einen guten Geist trifft, der sie bei ihrem Unterfangen begleitet. Druth, der ausgestoßene Geschichtenerzähler, dessen Wissen um die Riten der Nordmänner Senuas einziger Anhaltspunkt auf Dillions Verbleib ist, hilft der keltischen Kriegerin im Verlauf des Spiels mehr als einmal dabei, sich nicht von den Ängsten und Stimmen in ihrem Kopf niederreißen zu lassen.

Was Hellblade: Senua’s Sacrifice in seiner Behandlung von psychischem Krankheiten so besonders macht, ist, dass es sich nicht mit Allegorien aufhält. Die Mythen, die Senua konfrontiert, sind keine Substitute für ihre Leiden. Die Kämpfe führt sie nicht, um dem Spieler zu verdeutlichen, wie es sein könnte, mit der eigenen Psyche zu ringen. Senuas Feinde sind ihre Ängste. Die Hölle, die sie durchstreift, steht nicht für den Zustand ihres Bewusstseins – sie ist ihr Bewusstsein, existiert im Kopf der Keltin so klar wie eine Erinnerung in meinem eigenen. Jedes Rätsel, dass Senua lösen muss, entspringt ihrer Angst vor dem Verlust, ihrer erhöhten Mustererkennung oder der stetig drohenden Überforderung ihres Bewusstseins. Zum ersten Mal fühle ich mich nicht wie der mitleidige Zuschauer. Vielleicht versetzt mich Hellblade dennoch nicht adäquat in die Situation eines Betroffenen – aber ich fühle mich doch fast schon, als wäre ich eine der Stimmen in Senuas Kopf.

Mehr Worte möchte ich überhaupt nicht zu Hellblade verlieren. Selten fand ich es so unrelevant, ob ich ein Spiel für „gut“ halte oder nicht. Ich kann euch schlicht empfehlen, Hellblade zu spielen. Wenn ihr dennoch mehr zu Senua lesen wollte, empfehle ich den hervorragenden Text zu den Stimmen in ihrem Kopf von Rainer Sigl auf ArchaeoGames.net.

4 Gedanken zu “Inferno

  1. Ein Problem bleibt dennoch: Ohne vorher etwas darüber gelesen zu haben oder das enthaltene Making-Off gesehen zu haben funktioniert es nicht. Wenn du das Spiel ohne Vorwissen einfach so spielst, kommt man auch als halbwegs intelligenter Mensch nicht darauf, was die Macher wirklich zeigen wollten. Daher kann ich es leider nicht abfeiern…

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  2. Ha, das freut mich sehr! Mehr könnte ich mir gar nicht wünschen. Ich denke, wenn dich der Text angesprochen hat, wirst du es nicht bereuen, das Spiel zu spielen. Egal ob dir die eigentlichen Mechaniken dann gefallen :)

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  3. Aber ist nicht aus genau dem Grund das Making-Off mit im Spiel? Ich finde, das funktioniert auch noch ganz gut, wenn man sich den Film hinterher ansieht. Aber du hast recht, hier profitiert zur Abwechslung mal ein Spiel sehr stark von Marketing.

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  4. Jetzt habe ich den Artikel gelesen und bin auch irgendwie interessiert. Obwohl ich keinerlei Ahnung habe, worum es geht bzw. welche Art von Spiel es ist. Du bist komisch zu mir:)

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