Before the Storm: Eins ist schonmal besser

Die erste Episode von Life is Strange: Before the Storm hat meinen Respekt vor dem Vorgänger ein wenig geschmälert.

Ich kann einen guten Retcon sehr schätzen. Ein Retcon (kurz für retroactive continuity, in etwa ’nachträglich eingefügter Zusammenhang‘) beschreibt das nachträgliche Abändern von zuvor festgelegten oder angedeuteten Umständen innerhalb eines fortlaufenden Universums. Metal Gear Solids trashige Retcons haben spätestens mit der Einführung eines zweiten Big Boss‘ durch The Phantom Pain zur Erklärung der Geschichte von Metal Gear 1 und 2 geradezu Kultstatus. Und ich liebe es. Ich kann wertschätzen, das zum Aufbau einer konsistenten Welt, die ich als Zuschauer gerne kennenlerne, auch Widersprüche beseitigt werden müssen, die zu Beginn der Spielereihe keine waren. Ich mag jeden Metal Gear-Teil unabhängig vom Gesamtkonstrukt, aber die Serie im Ganzen beeindruckt mich viel mehr. Ja, Doctor Who liebe ich sogar eigentlich wegen seiner Retcons, nicht trotz derer.

Before the Storm retcont einen gewichtigen Teil der Vorgeschichte von Life is Strange: Chloe Price und Rachel Amber sind nicht einfach gute Freunde. Während Life is Strange Chloe meist nur von Rachel als ihre neue beste Freundin nach Max‘ Umzug sprechen ließ, macht Before the Storms erste Episode ganz klar: Zwischen Chloe und Rachel funkte es von der ersten Sekunde an. Auch wenn man als Spieler durch einige Gesprächsoptionen gegensteuern kann, tut Rachel ihre Meinung in diese Richtung eindeutig kund. Es geht nicht nur um Freundschaft; Zwischen den beiden scheint sich eine Liebesbeziehung anzubahnen.


Life is Strange ließ diese Möglichkeit zwar immer irgendwie offen, traute sich aber nie so recht, darauf einzugehen. Genauso wie die eigentliche Option der Homosexualität von Max und Chloe hinter einem ’schlechten Ende‘ versteckt ist – abgesehen von der Möglichkeit eines Kusses, der sich eher als Wette denn als Ausdruck von Gefühlen inszeniert.
Ich finde es großartig von Before the Storm, einen so klaren Standpunkt anzunehmen. Jetzt, wo ich Deck Nines Interpretation der Vorgeschichte sehe, kann ich sie mir überhaupt nicht mehr anders vorstellen. Die Vagheit hat mich immer an Chloes Darstellung der Vergangenheit in Life is Strange und damit an ihrem Charakterbau gestört, was dazu führte, dass ich Chloe mit der Zeit als eine enorm unsympathische Person wahrnahm, da ich die Gründe ihrer Teenage Angst nicht verstand. Natürlich ist es nicht weniger schlimm, die beste Freundin zu verlieren als die feste. Doch bis dato kamen mir Chloes Scheitern an der Welt und ihre verzerrte Wahrnehmung wie das eigenverschuldete Mitschleppen ihrer Kindheitsmacken ins junge Erwachsensein vor. Nun vermute ich: Was Rachel zustößt – und vielleicht auch, was mit Chloe und Rachel innerhalb ihrer Interaktion geschieht – hat Chloe traumatisiert.
Mag sein, dass die Beziehung im Verlauf des Spiels scheitert und die beiden dann doch nur Freunde werden, wodurch die Haltung Chloes in LiS zumindest aus der Chronologie heraus wieder Sinn ergibt. Der Funke zwischen den beiden war für mich dennoch das fehlende Glied der Kette und erst jetzt kann ich die eigentliche Dramatik der Handlung außerhalb und zwischen den beiden Spielen wirklich ernst nehmen.

Ein Update:

Auf Twitter bewarb ich den Artikel mit folgenden Worten:

Damit bezog ich mich auf den Polygon-Artikel hier, der sich mit dem problematischen, oft auftretenden Tropus beschäftigt, LGBT-Charaktere zu ‚begraben‘ (engl. „bury your gays“), sie also zu opfern, zu quälen oder gar zu ‚heilen‘. Ich wurde dabei von Ben @GamesPsychologe darauf hingeweisen, dass Life is Strange seine Homosexuellen ja dennoch begräbt, und zwar sehr real: Schließlich spielt man mit Chloe und Rachel zwei Charaktere, die beide im kanonischen Verlauf ihres weiteren Lebens sterben. Rachel wird dabei sogar wortwörtlich begraben, verscharrt auf dem Schrottplatz, den sie zuvor mit Chloe zu ihrem Safe Space gemacht hat.
Der Einwurf ist natürlich absolut gerechtfertigt, auch bei einer Besprechung des Prequels sollte das nicht unerwähnt bleiben. Before the Storm kann Plotpunkte und Darstellungsprobleme nur bis zu einem gewissen Grad reparieren; das Ende ist durch den Vorgänger aber fest vorgegeben und wirft immer einen Schatten auf die jetzige Erzählung.
Dennoch finde ich den jetzigen Ansatz von Before the Storm unbestreitbar gut. Alles andere wäre schließlich Resignation gewesen; die Weiterführung der zuvor angedeuteten Erzählung hätte kein Statement gesetzt und (zumindest mir) auch keinen Spaß gemacht. Nun aber traut sich Deck Nine, was DONTNOD vermutlich zu Gunsten eines größeren Mainstream-Appeals bleiben hat lassen: Farbe zu bekennen.

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