Vom Horror in The Evil Within

The Evil Within ist ein paar Jahre alt, der folgende Text enthält den einen oder anderen Spoiler. Diese sollten aber nicht weltbewegend sein und verraten auch keine großen Plot-Twists oder Ähnliches (Außerdem erschien vor einigen Tagen der Nachfolger; wer diesen Text liest, wird den Erstling mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ohnehin gespielt haben).

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Mein erster Ausflug in das Genre „Horror-Spiel“ fand Ende der 90er statt und dauerte ungefähr zwanzig Minuten.
Das ist die Zeitspanne, die man braucht, um in System Shock 2 das Tutorial zu meistern und das erste zombifizierte, mit Eisenstangen bewehrte Crew-Mitglied zu treffen. Ich spielte es – warum auch immer – im Haus von Verwandten, die im Urlaub waren. Meine Großeltern, die auf das Haus aufpassten, waren einkaufen oder ähnliches, auf jeden Fall nicht da. Ich war alleine in einem alten Haus auf dem Land. Wahrscheinlich war es draußen nur ein wenig bewölkt, aber in meiner Erinnerung war es ein zünftiger Sturm mit Gewitter und Donner.
Nach dem ersten Treffen mit dem Hybriden stand ich zwischen einem Herzkasper und dem Drang, weiterspielen zu müssen. Als ich schließlich das MedSci-Deck erreichte, schmiss irgendwo im Haus eine Katze etwas um, ich geriet in Panik und flüchtete auf den Dachboden. Seit diesem einschneidendem Erlebnis habe ich die Finger von Horrorspielen gelassen. Ich hasste sie nicht, war aber ein viel zu großer Angsthase, um sie durchzocken zu können. Erst Jahre später konnte ich System Shock 2 durchspielen, wenn auch nur mit einem No-Spider-Patch; dieses bedrückende Gefühl der Einsamkeit aber, umringt von Monstern, hat bisher kein weiteres Spiel mehr bei mir auslösen können. In den folgenden Jahren versuchte ich mich dennoch an einigen weiteren Titeln. Dead Space war gruselig und baute eine ähnlich bedrückende Atmosphäre wie System Shock 2 auf, verlor dieses Merkmal dann aber mit dem dritten Teil etwas. Das fand ich allerdings überhaupt nicht schlimm. Überhaupt scheine ich einer der Wenigen zu sein, der Teil 3 mochte.
The Evil Within ist zwar weder mechanisch noch inhaltlich mit System Shock 2 oder Dead Space vergleichbar, wird aber ebenfalls als Horrortitel beworben. Wenn allerdings ein so großer Schisser wie ich es relativ problemlos durchzockern kann, scheint das Versprechen eines nervenzerfetzenden, an die Grenze der Belastbarkeit führenden Horror-Trips sich nicht einzulösen. Eins vorweg: Mein Problem mit The Evil Within ist nicht, dass es ein schlechtes Spiel ist. Es ist sogar durchaus töfte. Aber leider nicht sonderlich gruselig.

Wer nur die Trailer und die Bilder zum Spiel sieht, stellt fest, dass die Macher sich ordentlich am Fundus jedes Horrortitels – egal ob Buch, Film oder Spiel – der auch nur entfernt als popkulturell relevant bezeichnet werden kann, bedient haben. Bösartige Metzger in fettigen Unterhemden schwingen Kettensägen, kreischende schwarzhaarige Mädchen mit verdrehten Gliedmaßen wollen mir den Schädel einschlagen, und riesige Typen mit einer Pyrami… einem Safe als Kopf und überdimensionierten Mordwerkzeugen hetzen gnadenlos durch zerfallene Ruinen. Auch die Örtlichkeiten muten bekannt an: verfallene Dörfer, Kirchenruinen, Krankenhausgänge- und Flure und natürlich ausgedehnte, modrige Kellerräume. Bindeglied all dieser Elemente ist Blut. Ozeane aus Blut, Gebirge aus Gedärmen, Stacheldraht und noch mehr Blut. Videospiele waren nie zimperlich, was die Darstellung von Gore angeht, allerdings hat die Menge in The Evil Within schon fast absurde Ausmaße angenommen. Das ganze Zeug wird nicht nur munter als Innendeko eingesetzt, sondern auch eifrig beim Gegner-Design verwendet.

Shining

Das ist doch aus diesem Kinofilm…Türen gehen auf, Seen aus Blut kommen raus…genau, Event Horizon!

Aus all diesen Zutaten könnte man eigentlich problemlos etwas Angsteinflößendes bauen, aber für mich funktioniert das in The Evil Within einfach nicht. Der Protagonist, ein gewisser Detective Sebastian Castellanos, ist ein tougher Motherfucker, der – nachdem ihm von einem Kettensägen-schwingenden Irren während der Flucht ins Bein gehackt wurde – irritiert ist, dass er keine Kippen mehr hat. Er scheint angesichts des Chaos und des Wahnsinns um ihm herum von dem Gekröse, das ihm ans Leder will, eher genervt als gegruselt zu sein.
Überhaupt, Wahnsinn. Die ganze Welt von The Evil Within entspringt der Vorstellung (wortwörtlich: dem Gehirn) eines genialen, aber natürlich psychopathischen Wissenschaftlers, der gerne auch mal am lebendem Gehirn herumsäbelt. Allen Zombies und anderen Gestalten wurde der Verstand genommen, um die Welt zu „erweitern“.
Dafür, dass er als krankes, sadistisches Genie gefeiert wird, ist seine Vorstellung vom Grauen aber eher konventionell. Zombies mit Stacheldraht um den Kopf? Dunkle Krankenhausgänge? Kellerräume mit rotierenden Messerfallen und Bergen an Innereien? Ernsthaft? Es ist eine fiese, widerliche Welt, aber das gewisse Etwas, das Quäntchen fiebrige Irrationalität, das Wahnsinn eigentlich auszeichnet, fehlt. Wände, die sich auf einmal in Tunnel verwandeln oder umgekehrt reichen nicht, genauso wenig wie Geistererscheinungen. Die ganze Welt wirkt dafür, dass sie von einem wahnsinnigen Geist verwaltet wird, seltsam geordnet und logisch. Zu logisch für die an die Standards von Reihen wie Silent Hill gewöhnte Spieler. Auch will sich das Gefühl bedrückender Einsamkeit und hoffnungsloser Isolation nicht einstellen. Dafür sind in dieser aus dem Wirren eines sadistischen Verstandes entsprungender Welt zu viele Menschen unterwegs, die noch alle Tassen im Schrank haben. Man ist nämlich häufiger mal in Gesellschaft unterwegs. Denn den Weg in diese Welt haben nicht nur der knallharte Cop Castellanos und sein Partner Oliver Irgendwas gefunden, sondern auch die junge Anfängerkollegin Kidman. In einigen Abschnitten wird man von diesen Zeitgenossen begleitet. Ob es sich bei diesen Gestalten um Leidensgenossen oder gar Verbündete handelt, ist auch nicht immer klar; zumindest die angebliche Anfängerin scheint mehr zu wissen als sie preisgibt. Wobei auch hier gilt: Dafür, dass die alle in einer Welt aus Alpträumen unterwegs sind, sind sie ziemlich abgebrüht.

The Evil Within hat zugegebenermaßen auch seine gruseligen Momente, die – und das muss angesichts des billigen Schundes, der im Steamstore vertrieben wird zugestehen – sich nicht in vorhersehbaren Jump Scares erschöpfen. Die Umgebungen sind zwar etwas ausgelutscht, können aber schon noch Beklemmungszustände auslösen. Auch sind einige Abschnitte, in denen man gezwungen ist, sich schleichend fortzubewegen, gut gemacht. Gerade noch aus dem Sichtfeld eines Zombies zu verschwinden, bevor er sich umdreht, ist zwar auch nicht gerade unkonventionell, kann aber trotzdem schwitzige Hände auslösen. Das Lob wird spielerisch aber wieder ad absurdum geführt, wenn man vor einer vierarmigen Spinnenfrau fliehen soll, aber nicht nachvollziehbar ist, wie der verfluchte Fluchtweg freizubekommen ist. Dabei stellt sich vielleicht keine Angst ein, dafür aber Panik oder Stress, was ja in Maßen auch erfrischend sein kann. Wenn aber nach dem fünften Mal der eigene Kopf eingeschlagen wird, weil man wieder irgendeinen dummen Hebel nicht gesehen hat, wandelt sich auch das schnell in reine Genervtheit. Das Gamedesign von The Evil Within lässt mich manches Mal gefrustet zurück. Viel befriedigender war dann doch das Gefühl, die Alte im NG+ mit dem freigespielten Raketenwerfer wegzuhämmern. Auch mechanisch wirft The Evil Within einiges durcheinander. Munitionsknappheit soll dafür sorgen, dass man Gegner auch mal von hinten meuchelt, andererseits sieht man sich auch häufig genug Gegnerhorden gegenüber, die man trotz fehlender Munitionierung frontal niedermähen muss. Das geht nicht immer gut führt in manchen Passagen zu purem Hass.

Die zweite Hälfte des Spiels scheint dann auch noch seine eigene Ansprüche an Gore-Horror über den Haufen zu werfen, nämlich spätestens dann, wenn Zombies auf maschinenbewehrten Humvees auftauchen und das Spiel stellenweise zu Resident Evil 6 mutiert. Das ist immer noch so unterhaltsam wie mit Raketenwerfern auf turmhohe Monster zu böllern oder mit einem MG Wellen an Untoten niederzumähen eben sein muss, aber gruselig oder schockierend ist das sicher nicht mehr. Überhaupt, was Resident Evil angeht: Das ganze Spiel hat sich fleißig an der Reihe bedient, zumindest an den Teilen 4,5 und 6, die eher dem Action- als dem Horrorgenre zugeordnet werden können. Charaktere und Figuren sind teilweise genauso cheesy überzeichnet wie in den späteren Titeln, allein bei der Charakterzeichnung der Hauptfigur hat man vom Klische des bad-ass cops nix ausgelassen). Auch das Gegnerdesign in Form turmhoher Mutanten mit drölfzig Gliedmaßen und schleimigem Inneren trägt bekannte Züge. Selbst das Sammeln von Tagebucheinträgen, Collectibles und ähnlichem Zeugs gewinnt in Sachen Innovation keinen Blumentopf. Das ist alles bis zu einem gewissen Punkt durchaus nachvollziehbar; haben die doch die selben Entwickler, die auch bei den späteren Resident Evil Teilen ihre Finger im Spiel hatten, bei The Evil Within mitgewirkt.

Humvee

Liebesgrüße aus Racoon City.

Vielleicht darf es daher auch nicht verwundern, wenn viele Mechaniken aus Resident Evil Eingang in Evil Within gefunden haben, ob diese nun zusammenpassen oder nicht. Die Kollektion aus Schleichen, Schießen und Gruseln ist bestenfalls akzeptabel; wirklich rund spielt sich The Evil Within aber nie.
Die beiden DLCs, welche die Parallelgeschichte über Castellanos vermeintliche Rookiekollegin Kidman erzählen, sind sogar eigentlich besser als das Hauptspiel. Zwar sind die Schleicheinlagen hier um einiges nerviger, dafür gibt’s mal eine richtig fiese Gegnerin (eine absurde Mischung aus Frauenbeinen und Scheinwerfern), welche alleine schon sehr viel gruseliger ist als die Bosse des Hauptspieles. Überhaupt ist die ganze Atmosphäre sehr viel fiebriger als im Hauptteil, was vor allem dadurch entsteht, dass die inneren Konflikte Kidmans in Form von Flashbacks und Wahnvorstellungen deutliche Auswirkungen auf die Welt haben. Castellanos kaputte Vergangenheit hingegen wurde im Hauptspiel nur durch Tagebucheinträge erzählt; für das Spielgeschehen selbst waren sie völlig überflüssig. Auch die Geschichte wird nochmal munter weitergedreht: Die Grunderzählung um gewissenlose und psychopathische Wissenschaftler wird um eine dahinterstehende, sinistre Geheimorganisation mit coolen Namen und schicken Logos erweitert.

Man kann schon gut finden, dass das Spiel die Versatzstücke des blutigen Slashergenres und der Idee einer „World of Gore“ durch den Fleischwolf zusammen mit jedem Klischee vom gruseligem Dorf bis hin zum knallharten, innerlich vernarbten Cop gedreht hat. Das Ergebnis ist ein mitunter wirrer Mix aus Altbewährten, der aber durchaus seinen eigenen Charme entfaltet. Etwas überspitzt könnte man The Evil Within auch als sympathisches „Trainwreck“ bezeichnen. Das würde dem Spiel aber auch nicht ganz gerecht werden; ein Totalausfall ist es nie. „Wirr“ und „inkonsequent“ sind nur einfach nicht das, was ich mir von einem Horrorspiel erhoffe; in sich geschlossene, gerade durch die Plausibilität ihrer Umgebung grauenhafte Welten wie die von System Shock 2 suche ich in The Evil Within nur eben einfach vergeblich.

Ein Gedanke zu “Vom Horror in The Evil Within

  1. Aufgrund des Erscheinens des zweiten Teiles, habe ich mir vor ein paar Wochen Teil 1 günstig zugelegt. Irgendetwas hält mich aber immer davon ab, es zu spielen. Vielleicht wage ich mich mal die Tage daran…😃

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