Wolfenstein: The New Colossus – Humor, Ballern, Politik: Widerstand ist menschlich

In Wolfenstein kann man mit einem Lasergewehr Nazis pulverisieren. Das sollte eigentlich Rezension und Kaufbefehl genug sein, da dies aber ein Blog ist und Pascal gerne hätte, dass ich mehr als 2 Sätze dazu schreibe („Oder es war das letzte Mal, dass du hier warst!“) hole ich mal etwas weiter aus.
Also hinsetzen, Papa erzählt vom Laserkrieg.

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Die einen nennen ihre Soldaten „Ubersoldaten“ und ihre Kampfroboter „Valhalla“, die anderen malen ihre Flugzeuge bunt an.

Humor
Eins vorweg: Ich muss zugeben, dass sich bei mir nach den ersten Trailern zu Wolfenstein 2: The New Colossus leichte Skepsis breitgemacht hatte. Zwar war ich nach dem ursprünglichen, knapp 15 Minuten langen E3-Trailer recht schnell angefixt, aber das Ganze wirkte – selbst für Wolfenstein – etwas zu drüber, zu „lustig“. Die folgenden Trailer wie „Blitzmensch“, „Liesel“ oder „Strawberry-Milkshake“ wirkten zu hell und freundlich für eine Welt, die von Faschisten beherrscht wird. Vergleicht man den Reveal-Trailer zu The New Order mit dem von Wolfenstein 2 fällt die Düsternis auf, die in Ersterem herrscht. Auf der einen Seite präsentieren sich mir Ikonografien und Monumente der Zeitgeschichte, von den Nazis pervertiert; auf der anderen Seite eine Faschistenversion von Batman. Nun ja. Richtig unangenehm wurde es beim Strawberry Milkshake-Trailer. Die Szene wirkte, als hätte man Tarantinos nicht genutzte Scriptseiten aus Inglorious Basterds recycelt. Das Letzte, was die Serie hätte gebrauchen können, wären wie auch immer geartete „witzige“ Nazis gewesen.
Zum Glück war die Befürchtung aber völlig unbegründet. Die Nazis sind nicht lustig oder unterhaltsam, sondern genauso bösartig wie in The New Order. Der Humor von The New Colossus ist zwar vorhanden, findet aber fast nur im Kontext des Widerstandes statt oder nimmt deutsche Klischees (Sauerkrautessen!) aufs Korn und betont somit ein Stück weit die Menschlichkeit der Widerständler in der Monotonie einer von Faschisten beherrschten Welt. Die Humanität des Widerstandes wird durch den Humor gerade angesichts der unmenschlichen Umstände charakterisiert. In einem solchen Kontext darf eine düstere Thematik auch mal mit hellen Momenten durchsetzt werden.
An anderer Stelle wurde kritisiert, dass Komik und Tragik nicht zusammenpassen würden; ich sehe das anders. Man muss hierfür nicht einmal weit in die Literatur oder Kunstgeschichte zurückgehen, denn einen Wes Anderson-Film wird sicher jeder schon einmal gesehen haben.
Wolfenstein war zwar schon immer überzogen – man reitet auf einem mechanischen Panzerhund – gab seine überzeichneten Figuren aber nie der Lächerlichkeit preis. Es wäre ein Leichtes gewesen, aus dem sanftmütigen Riesen Max Hass einen Trottel mit blödeliger Catch Phrase zu machen, aber er und alle anderen Figuren sind trotz ihrer Überzeichnung immer noch nachvollziehbar. Wer die Gespräche der Nazis lauscht, muss an der einen oder anderen Stelle zwar durchaus schmunzeln, jedoch nur, weil Hans und Wilhelm die typischen Henchmen Dialoge führen („Es ist so langweilig, bitte erschieß mich einer!“).
Die Charakter- beziehungsweise Figurenzeichnung ist generell sehr viel besser und austarierter als im Vorgänger. Dort war der Antagonist zwar äußerlich als auch innerlich völlig verdreht, hat in seiner perversen Logik aber relativ nachvollziehbar gehandelt. Die Charaktere des Widerstandes dagegen waren zu schnell und zu oberflächlich eingeführt worden; Konflikte wurden nur angedeutet, aber nie ausgelotet und insgesamt wurde den Figuren etwas wenig Raum eingeräumt, wohin gegen Totenkopf und sein Machtapparat mit einigem Gewese inszeniert wurden (Allein der letzte Level…uiuiuiui). Aus diesem Fehler haben MachineGames im neuem Colossus (teilweise) gelernt. Die Figuren sind zwar natürlich alle immer noch drüber – das hier ist Wolfenstein und nicht Vom Winde verweht – haben aber sehr viel mehr Platz bekommen; und das trotz der Tatsache, dass die Truppe noch weiter angewachsen ist. Natürlich wird auch hier mit Klischees gearbeitet, aber diese werden effektiv und glaubhaft eingesetzt.
Blöderweise kann ich das nicht von der Nazi-Trulla Frau Engel sagen. War der Obernazi im Vorgänger zu seinen Handlungen aus seiner reinen kranken Nazihaftigkeit motiviert worden, jagt Engel BJ, weil das Script das halt so fordert. Ob und warum er wirklich so eine Symbolfigur für den Widerstand ist, wird nicht aufgeklärt. Die Alte ist zwar ebenso wie Deathshead gnadenlos überzeichnet, bleibt im direkten Vergleich aber farblos. Auch ihr großes Finale war doch ziemlich unterwältigend. Besser ausgestaltet hingegen ist ihre Tochter Sigrun. War sie doch ursprünglich Mitläuferin, um ihrer Mutter zu gefallen, emanzipiert sie sich von dieser, bricht mit ihrer Mutter und den Nazis, und gewinnt das Vertrauen des Widerstands. Überhaupt ist ihre Figur die einzige, die so etwas wie Widersprüche und Brüche beinhaltet. Realistisch wirkt sie auf mich trotzdem nicht, aber immerhin dennoch nachvollziehbar.
Wolfenstein The New Colossus  ist zwar ein Diamant von Spiel, hätte aber an der einen oder anderen Stelle durchaus noch etwas Schliff vertragen können. Während der ersten Spielhälfte wird der Tod einer Mitstreiterin betrauert. Deren Ende kam recht schnell und bereits im Vorgänger hat sie schon keinen tieferen nachhaltigeren Eindruck hinterlassen. Klar, die war schon irgendwie wichtig, aber die nun zelebrierte tiefe emotionale Verbundenheit will sich nicht einstellen, dafür kannte man sich doch nicht gut genug.

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Es fühlt sich so gut an!

Ballern
Und ja, leider schwächelt Wolfenstein auch in seiner Kerndisziplin, nämlich eine grandiose Schießbude mit lauter toten Nazis zu sein. Die Schleichelemente fühlen sich einfach unrund an. Während man eine Wache gerade mit dem Hackebeil bearbeitet, wird am anderem Ende der Karte auf einmal der Alarm ausgelöst. Zwar wurden diese übersensiblen Wachen meinens Empfindens nach auf Dauer entschärft – nach einigen Patches nahm ich das Problem nicht mehr wahr, war vielleicht aber auch einfach nur besser geworden – allerdings fühlt sich der Schleichanteil immer hakelig an. Das Gleiche gilt leider genauso, wenn man eher der Spieler ist, der Nazis gerne mit zwei Schrotflinten in roten Dampf verwandelt. BJ kann nicht wirklich viel Schaden einstecken; umso ärgerlicher ist es, dass das Trefferfeedback kaum vorhanden ist. Meistens merkt man erst, dass man kurz vorm Exitus steht, wenn die todbringende Kugel bereits unterwegs ist. Auch der Schwierigkeitsgrad der Shootouts hat im Vergleich zum Vorgänger angezogen. Ballereien in The New Colossus fanden bei mir ohnehin meist erst statt, nachdem ich im Schleichen versagt hatte, und dann waren sie selbst leider viel zu sehr Trial and Error. Das wird vor allem im Endkampf deutlich. Anstatt Nazis frontal mit Granaten und Maschinengewehren zu pulverisieren, sprinte ich von Ecke zu Ecke und versuche, vor dem nächsten Stellungswechsel drei Typen umzunieten, bevor ich von mehreren Dutzend Nazis überrannt werde. Als fragiler Deckungsshooter gespielt zu werden, will zu einer Machtphantasie wie Wolfenstein nicht so ganz passen. Möchte ich „realistische“ Deckungsshooter spielen, installiere ich eins der drölfzigtausend Call of Dutys. Wieso gibt man mir zwei Schrotflinten, wenn ich nach vier Treffern zusammenklappe? Zusammen mit der kaum existenten Trefferanzeige werden auf höheren Schwierigkeitsgraden die Ballereien nicht mehr fordernd, sondern einfach nur frustrierend. Ich prangere das an!

Freunde

Revolution is coming!

Politik
Zum Schluss vielleicht noch 2, 3 Worte zum, äh, „politischen Gehalt“ des Spiels. Nun, der ehrenwerte SpielerZwei hält The new Colossus für relativ unpolitisch. Das ist auch völlig ok, denn schließlich operiert das Spiel mit maximalen Gemeinplätzen, und natürlich ist es erst einmal absurd, dass eine so flache Grundbotschaft Nazis=Böse in diesen verdrehten Zeiten politische Brisanz entfalten kann. Ich will in die Thematik auch nicht tiefer einsteigen; ich finde lediglich, dass ein Werk auch ein Stück weit durch die Einordnung und die Kontextualisierung seiner Macher politisiert wird. Und zumindest der Twitteraccount von Wolfenstein hat in den vergangenen Monaten keine Gefangenen gemacht. Im Spiel selbst sind die Kommentierungen lediglich durch – wahrscheinlich in letzter Minute – hinzugefügte Zeitungsschnipsel und Dialoge eingeführt worden. Der Youtuber Errant Signal bezieht die politischen Kommentare – wenn man sie denn als solche bezeichnen will – gar eher auf die Bürgerrechtsbewegung der 60er-Jahre.
Interessanter fand ich viel mehr die Gestaltung des zivilen Amerikas. Vielleicht ist – wie an anderer Stelle ausgeführt – der Vergleich von Wolfenstein mit dem Aufstieg der Alt-Right-Bewegung etwas weit hergeholt. Allerdings wirkt die Gestaltung der amerikanischen Gesellschaft unter den Nazis erschreckend nachvollziehbar, und das in einem Spiel, in dem man zur Venus fliegt und mechanische Panzerhunde reitet. Das weiße Amerika, genauer die weiße, amerikanische Mittelschicht hat sich mit den Besatzern arrangiert, bei Naziaufmärschen verkauft man Souvenirs, nebenbei darf man auch wieder Sklaven halten, die Straßen sind gepflegt und sauber. Wie in der Amazon-Serie The Man in the High Castle scheint sich die bürgerliche Gesellschaft trotz Niederlage und Atombombenabwurf mit den neuen Umständen schnell arrangiert zu haben. Am Unabhängigkeitstag zieht man halt die Hakenkreuzflagge auf; dafür sind die Vorstraßen gepflegt und sauber. In diesem Kontext kriegt der Seitenhieb auf die infame Darstellung des Neonazis Richard Spencers im liberalem Magazin Mother Jones einen faden Beigeschmack. Auch Teile von BJs eigener Familie haben sich sehr schnell mit den neuen Besatzern arrangiert. Einen großartigen politischen Kommentar auf die gegenwärtige Lage werden MaschineGames nie beabsichtigt haben; dafür war das Spiel zu lange in Planung. Es ist aber doch irgendwo beklemmend zu sehen, wie schnell sich Menschen mit der Unfreiheit arrangieren können. Vielleicht ist der Vergleich etwas weit hergeholt, aber auch in Deutschland hat die Aussage „Früher war nicht alles schlecht“ ein ekliges Revival erfahren.
Im Gegenzug dazu ist der Widerstand eine anarchische Mischung aus Kommunistenpfarrern, Dissidenten und Bürgerrechtlern und ausschließlich durch die Agenda verbunden, das Unrechtsregime zu stürzen. Ähnlich wie das wahre Vorbild des Kreisauer Kreises ist der Widerstand keine homogene Vereinigung, sondern ein Sammelbecken diverser politischer Strömungen. Würde sich Wolfenstein zu ernst nehmen, müssten jetzt noch die großartigen düsteren Konflikte innerhalb des Widerstandes aufgezeigt werden, denn „erwachsene“ Spiele müssen neuerdings nihilistisch und düster sein. Gott sei Dank ist der bumsfidele Haufen lustig, bunt, chaotisch und in seiner Wärme durch und durch menschlich.

Wenn man jetzt wirklich in das Interpretationsfass gehen möchte, könnte man das Ganze so deuten, dass Widerstand, wirklicher, im Zweifel auch bewaffneter Widerstand, gegen das Unrecht nicht von der „politischen Mitte“, sondern von den linken und radikal freien Rändern der Gesellschaft kommt, aber ich fürchte, das geht zu weit und beende diesen Text daher nur mit einem Kaufbefehl: Kaufen Sie Wolfenstein! Retten Sie den Single-Player!

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