Vertrauen ist optional

Eines der weniger spaßigen ‚Features‘ von Visual Novels, die eine komplexe Story in kleinen Happen und mehreren Enden präsentieren ist die Unart, weite Teile der Story immer wieder wiederholen zu müssen. Oft wird das mit unterschiedlichen Wahlmöglichkeiten zu kompensieren versucht, die manchmal durchaus schwerwiegend und integral fürs Erreichen eines neuen Endes sind, manchmal aber auch nur ein wenig neuen Geschmack in ein ansonsten gleichbleibendes Gespräch bringen sollen. Selten einmal werden nette Twists in ein solches Konzept eingebracht, etwa wenn sich unerwartet Dinge im Spielverlauf ändern, obwohl ich als Spieler genau das gleiche gemacht habe wie zuvor auch – Die Zero Escape-Reihe ist hierfür wohl von allen bekannten Visual Novels am ehesten berühmt. Weiterlesen

Deponia: The Complete Journey – Müll, Müll, nochmals Müll?

Deponia. Kaum ein deutscher Gamer, der mit dem Namen nicht etwas anfangen kann, und auch in die englischen Lande ist die Adventure-Reihe mittlerweile ganz passabel vorgedrungen. Das Hamburger Entwicklerstudio Daedalic Entertainment um Gründer Poki alias Jan Müller-Michaelis hat sich vor allem durch die Serie um den gleichnamigen Schrottplaneten seine Lorbeeren verdient. Weiterlesen

Randal’s Monday: 2190 Montage voller Popkultur

Randal’s Monday. Für viele Menschen ist der Montag ja auch so schon der schlimmste Tag der Woche. Was also tun, wenn sich der gleiche Montag immer wieder und wieder ereignet, bis man herausgefunden hat, wie man den besten Freund vor dem Selbstmord bewahrt? Nun gut, dieser letzte Teil ist vielleicht etwas zu speziell, dennoch befasst sich das neuste Adventure aus dem Hamburger Hause Daedalic Entertainment mit durchsoffenen Nächten, verkaterten Morgen und vergammelten Hotdogs. Und vor allem mit einem: Popkultur in Reinform, seien es Comics, Videospiele oder Filme. Taugt Randal’s Monday nur als Ode an den modernen Medienkonsumenten oder auch als Spiel?

Wenn ihr zu den Leuten gehört, die meistens bis Donnerstag brauchen, um sich vom Wochenende zu erholen, dann könnt ihr euch sicher gut in den Protagonisten von Randal’s Monday hinein versetzen. Randal Hicks, Kurier bei Emmerson Express (Read it out loud, dude!) liebt Alkohol, hasst seinen Job, hat keinen Respekt vor anderen Menschen und leidet unter Kleptomanie. Für wen das jetzt klingt wie eine Art moderne Version von Rufus aus Deponia, der liegt gar nicht so falsch. Die Geschichte beginnt, als Randal Sonntagabend mit seinem besten Kumpel Matt und dessen besserer Hälfte Sally deren Verlobung feiert. Nach ein paar Runden zu viel torkelt Matt in eine Seitengasse, um sich sein Bier noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Hier verliert er seinen Geldbeutel, in dem der Verlobungsring für seine Angetraute steckt. Der alte Kleptomane Randal kann dem Glitzern nicht widerstehen und steckt den Ring ein… Und als er am nächsten Morgen aufsteht, steckt Matt knusprig gebraten in seinem eigenen Ofen. Schnell merkt Randal, dass sein Leben nicht nur noch schneller den Bach herunter geht als sowieso schon, sondern dass er sich nicht einmal besaufen und seine Sorgen verschlafen kann…denn am nächsten Tag ist es wieder Montag, und Matt erneut frisch gestorben!
Um sein Leben wieder in den Normalzustand zu versetzen und seinen besten Kumpel roh und lebendig zurück zu bekommen, muss Randal also den Fluch brechen, den er mit dem Diebstahl des Rings über sich gebracht hat. Aber das ist einfacher gesagt als getan, denn der Ring scheint ein Eigenleben zu besitzen und sich seinen Träger selbst auszusuchen…

Randal's Monday spricht auch gerne mal direkt zum Spieler.

Randal’s Monday spricht auch gerne mal direkt zum Spieler.

Im Verlaufe des Spiels dehnt sich diese ohnehin schon eigentümliche Story zu einer so schrägen Konstellation von Zwischenfällen und einem so derben Finale aus, dass ich hierzu kein weiteres Wort verlieren will. Nur so viel: Während mich die erste Hälfte des Spiels storytechnisch enorm gelangweilt hat, zog das in der zweiten Hälfte drastisch an und ich wollte unbedingt die nächste Episode auch noch spielen. Und die nächste. Und die nächste.

Urklassische Adventure-Kost

Durch insgesamt sieben dieser Montage auf Randals stehengebliebener Uhr spielen wir uns nun, indem wir den armen Versager durch die Stadt lenken, um Barrieren auf dem Weg zu Ring zu überwinden. Das könnte sich gewöhnlicher nicht spielen lassen; Randal’s Monday ist spielerisch ein absolutes 0815-Point and Click Adventure, das exakt die gleichen Befehle und Bewegungen kennt wie etwa Deponia: Gehe zu, Spreche mit, Kombiniere Item A und B, Nutze Item A mit Umgebung. Einer weiteren Erklärung bedarf es da wohl nicht mehr. Auch die Grafik und Animationen schneiden sich eine gehörige Scheibe Deponia ab, ohne es besser zu wissen tippe ich darauf, dass Randal’s Monday von der gleichen Engine angetrieben wird wie die Schrottplaneten-Trilogie. Das spürt man dann auch an der Technik, denn ebenso wie in Rufus‘ Abenteuern ruckeln auch hier die Animationen, wenn man Dialoge weg zu klicken versucht, die man nicht wegklicken soll. Hin und wieder verbuggen sich Interaktionspunkte, sodass man sie nicht mehr benutzen kann, und wenn man das Inventar öffnet (das recht stilecht einen Comic-Unterwäschekatalog darstellt, in dem die Items in Panels dargestellt werden) kann es schon mal passieren, dass es aus dem Bildschirm rutscht und verschwindet. Alle diese Probleme lassen sich jedoch durch ein Wechseln des Gebiets wieder beheben, weswegen es zumindest zu keinen Gamebreakern kommt.

Ja, das war mal Matt.

Ja, das war mal Matt.

Was ist wichtig, wenn wir von einem klassischen Adventure reden? Wohl eindeutig die Rätsel. Und hier geht meine Hassliebe mit Randal’s Monday los. Denn die Rätsel, die sehr einfach beginnen, um dem Spieler eine Eingewöhnungsphase zu lassen, werden sehr schnell dermaßen bekloppt und unlogisch, dass man ohne stumpfes Ausprobieren keine Chance mehr hat, auf die Lösung zu kommen. Da will dann ein Do-it-yourself Schalldämpfer aus zwei wahllosen Gegenständen (die der Spoilerfreiheit zuliebe hier nun nicht stehen) gebaut werden, ohne Hinweis darauf, wie das Teil denn am Ende aussehen muss, damit man wenigstens eine Chance hat auf die Zutaten zu kommen.
Ähnlich läuft es mit verschiedenen Rätseln, die das gleiche Item verwenden. Teilweise schließen sich die Lösungen dieser Rätsel gegenseitig aus, werden aber trotzdem beide verlangt. Da reicht einmal ein abgerissener Laser eines Sicherheitssystems, aus dem hinten die losen Kabel rausschauen, um ein Schloss aufzuschmelzen, ein paar Minuten später muss man selbigen Laser aber mit einer starken Batterie kombinieren, da er ja sonst nicht funktioniert. Das bricht nicht nur sämtliches Logikgefühl, sondern auch die Denkbahnen so manch eines Spielers, und das führt dann auch mal zu Frust.

Nicht ganz so komplex wie erhofft

Ein eigentlich schöner, aber enttäuschend eingesetzter Clou ist auch die Implementierung der Story in die Rätsel: Randal ist dazu verdammt, den gleichen Montag immer wieder und wieder zu erleben. Was er jedoch tun kann: Dinge anfassen und mit Leuten interagieren. Alle Veränderungen, die er herbei führt, bleiben bestehen, wenn sich der Tag resettet- Das sorgt im einfachsten Fall schlicht dafür, dass wir die Gegenstände, die wir aufsammeln, am nächsten Tag auch noch im Inventar haben. In einem interessanteren Szenario kommt ein Charakter durch Randal zu einer unverschämt hohen Summe Geld, die er auch am nächsten Montag noch besitzt. Und um das Raum-Zeit-Gefüge nicht noch mehr zu schädigen als ohnehin schon muss sich das Universum dafür eine Lösung ausdenken, damit dem armen Kerl nicht der Kopf explodiert. Ergebnis: Am nächsten Tag ist der versiffte Herumlungerer plötzlich ein Schotte mit reichen Vorfahren. Macht doch Sinn.
Leider hätte man aus dieser Mechanik so viel mehr machen können als letztendlich im Spiel ist. Wer das LucasArts-Adventure Maniac Mansion gespielt hat, weiß, wie man aus einer Zeitreisemechanik knackige Rätsel ableiten kann. Da muss man von der Zukunft in die Vergangenheit einen Gegenstand mitnehmen, um ihn dort einzusetzen, was wiederum die Gegenwart drastisch verändert. In Randal’s Monday wird mit diesen Zeitschleifen nicht groß herum gespielt; ein einziges Mal ist man auf einen Gegenstand angewiesen, der durch seine Gefangenschaft in Randals Inventar verändert wurde, ansonsten dient die Wiederholung des Montags nur als Kapitelabgrenzung. Da hatte ich mir mehr Finesse erhofft.
Andererseits sind die Rätsel dann aber wieder so herrlich bescheuert, dass man sie nur gut finden kann. Wenn ich die Klimaxszene aus 2001: Odyssee im Weltraum nachspielen muss, indem ich einem wildgewordenen HAL 9000 Replikat mit einem stumpfen Gegenstand die Schaltkreise wegkloppe, und, wenn ich am nächsten Tag wiederkomme, von den Resten der Maschine mit dem ikonischen GLaDOS-Zitat „I think we can put our diffences behind us. For Science. You Monster.“ begrüßt werde, kann ich nicht anders als das gut zu finden.

Gamer's Heaven.

Gamer’s Heaven.

Cameos, Eastereggs, Zitate, Anspielungen…

Und da wären wir auch schon bei der großen Seele von Randal’s Monday: Im Prinzip ist das ganze Spiel nämlich sowieso nur eine gewaltige Ausrede, möglichst viele Anspielungen und Ehrerbietungen an andere Spiele und Filme unserer Zeit in einem Stück Software unterzubringen. Und damit schafft es das Spiel dann doch wieder, mich durchgängig zu begeistern. Es gibt keinen einzigen Screen im gesamten Spiel, der nicht gespickt ist mit kleinen oder großen Hommages. In Randals Wohnzimmer hängt ein Poster vom Dude aus The Big Lebowski neben einer Statue von Balrog aus Cave Story+, im Zimmer seines Mitbewohners steht eine Puttenstatue mit dem Gesicht von Tim Schafer, die verträumt das Maskottchen der Firma Vault-Tech aus Fallout anstarrt. Auf der Toilette seines Lieblingspubs sinniert Randal beim Pinkeln über das Bioshock-Poster an der Wand, während er in Gedanken „La Mer“ von Django Reinhardt summt. Und in einer Seitengasse versucht ein Obdachloser, Randal Terry Pratchetts Scheibenweltromane als neue Bibel zu verkaufen. Keine Minute, in der ich nicht den Finger auf der Screenshottaste hatte, um mit einem dümmlichen Grinsen auf dem Gesicht ein neues Zitat oder ein kleines Detail abzulichten, das auf irgendeines meiner Lieblingsspiele, -filme oder –buchreihen zeigt. Randal’s Monday ist ein unglaubliches Geekfest, und wer Spaß an Easterggs hat, wird seine helle Freude hieran haben. Ich möchte gar nicht wissen, wie viel Copyright-Zahlungen da für Daedalic ins Haus standen, um mit so viel Fremdcontent Geld verdienen zu dürfen.

Fazit zu Randal’s Monday

Randal’s Monday ist ein Kind der Liebe von begeisterten Spielern, Filmnarren, Comicsammlern und einem von der Idee begeisterten Publisher. Sinn und Zweck des Spiels ist ganz klar die Liebeserklärung an die Medien unserer Zeit, die ihren Auftritt in so gut wie jeder Pore des Adventures haben. Wer damit zurechtkommt, dass hier nur auf einem altbewährten Adventuregerüst ohne jegliche Minispiele oder sonstige spielerische Abwechslung aufgebaut wird, bekommt neben den ganzen Eastereggs und brüllend komischen Anspielungen auch noch eine völlig abgedrehte Story voller Witz und düsterer Ironie serviert. Lediglich die Rätsel können den Spielspaß trüben, da Logik und kohärente Zusammenhänge hier hin und wieder weit aus dem Fenster geschmissen werden. Für Fans von Daedalic und begeisterte Nerds gilt hier dennoch definitiv: Zugreifen!

Secrets-of-Raetikon

Secrets of Raetikon – Viel zu schön für Wortspiele

Erinnert ihr euch daran, wann euch die Ästhetik eines Spiels zum letzten Mal ein Lächeln abgerungen hat? Zugegeben, Ubisofts Child of Light ist erst vor kurzem erschienen, also verliert die Frage wohl ein gutes Stück an Reiz. Dennoch lässt sich mit Gewissheit sagen: Spiele, deren Präsentation so gut ist, dass ihr Gameplay dagegen beinahe irrelevant wird, sind selten. Weiterlesen